Wann kommt sie endlich? Wir warten seit Herbst 2019 auf die Eröffnung der neuen U-Bahn-Linie, aber es tut sich nix. Irgendwie schaffen sie es nicht, den Zug über die Ziellinie rollen zu lassen, dabei fing alles so schwungvoll an. Damals war Boris Johnson im Amt des Londoner Bürgermeisters, und man kann einiges gegen den Mann sagen, aber seine Projekte waren oftmals erfolgreich. Und was passierte nicht alles während seiner Amtszeit. Er verbannte den Genuss von Alkohol in allen öffentlichen Verkehrsmitteln, – was dem Londoner nicht einfach zu vermitteln war-, dann baute er den ‘financial sector’ auf und damit den ‘financial district’ in der City of London, er brachte den New Routemaster auf die Straße zurück und machte London zu einer Radfahrerstadt, mit einer mutigen Planung und Erfolg, wie man heute sieht. Er hatte Ideen, setzte sie konsequent um und war oft erfolgreich. Von den Olympischen Spielen gar nicht zu reden, die 2012 stattfanden und erhebliche städtebauliche Massnahmen erforderten. Dass die Organisation gelungen war, haben wir hoffentlich noch alle in Erinnerung. Es sind die einzigen Spiele, von denen ich die Eröffnungsfeier auf Video habe und noch heute mit Gänsehaut ansehe. Ach ja, die Dingl-Dong, offiziell Thames Cable Car genannt, ist auch seine Erfindung. Mit dieser netten Seilbahn, kann man zur O2 Arena übersetzen, wenn dort wieder mal ein Superstar das Zelt beben lässt. Oder man fährt einfach hin- und zurück und macht die tollsten Fotos der Stadt von ganz weit oben. Seine letzte geniale Idee war die Garden Bridge über die Themse. Eine Fußgängerbrücke mit tropischer Bepflanzung, zwischen Waterloo- und Blackfriars Bridge. Natürlich braucht sie kein Mensch, aber sie hätte großartig zu London gepasst. Sie hätte sich nahtlos eingereiht in die anderen fantastischen Bauten, die auch keinem anderen Zweck als dem Vergnügen dienen: London Eye, Buckingham Palace, Trafalgar Square oder Milleniums Bridge. Nix ist davon zweckdienlich, aber alle sind wunderbare Plätze, geliebt von den Londonern und den Touristen. Dann aber übernahm Sadiq Khan das Amt und irgendwie liegt seitdem alles brach. Der Mann wirkt äußerst sympathisch, scheint aber etwas mutlos. Bloß keinen Streit, bloß keine Entscheidung, die nicht gefallen könnte. Seit seinem Start, das war im Mai 2016, geht vieles in London bergab. Oder leider auch bergauf, beispielsweise die tödlichen Messerstechereien, die inzwischen täglich gemeldet werden und oft zum Tod der Opfer führen. Was mit der notorischen Unterbesetzung der Polizei zu tun hat, es fehlt Geld und in diese Gedankenkette reihen sich nahtlos die Obdachlosen ein, die sichtbar mehr werden, jedes Mal, wenn ich einige Monate später nach London zurückkomme. Ein negativer Trend hat sich eingeschlichen, der langsam an Fahrt zunimmt. In diese Tristesse passt keine bunte Gartenbrücke und also wurde sie sang- und klanglos abgesagt. Genauso passierte es mit der Elizabeth Line, die dringend benötigt wird, und einfach nicht fertig werden will. 

 

Ein erster Entwurf für die Garden Bridge. Kein Mensch braucht sie, aber die Idee ist wunderbar. Wahrscheinlich würden sich hier alle Hundebesitzer treffen und ein Picknick über der Themse geniessen.

 

Man hatte schon die Eröffnung im letzten Jahr fest versprochen. Dann wurde auf Ende 2018, dann auf Mitte 2019 und jetzt auf Herbst 2020 bis Frühjahr 2021 verschoben. Gründe werden nicht genannt, irgendwie scheint alles ins Stocken geraten zu sein. Nun ist die Linie einer der längsten, ganz vom Westen Londons bis in den Osten, und sie wird komplett neu gebaut. Die Tunnels sind längst fertig, die Bahnhöfe ebenfalls. Ein völlig neuer Zug wurde entworfen und gebaut, der schneller fahren kann als alle anderen Undergrounds und der für die Passagiere komplett innen durchgängig ist. Alles vom Feinsten, technische Meisterklasse nur leider nicht fertig. Und nun wird ganz nebenbei bekannt gegeben, dass die Fahrt von Heathrow in die Zone 1, also in die City of Westminster in der peak time £12.10 kosten wird und off-peak £10.10. Da ist mir aber mal kurz das Herz in die Hose gerutscht, denn für die Piccadilly Line zahle ich £5.10 bzw. £3.10. Das ist also mehr als der dreifache normale Bahn Preis. Dabei erschließt sich mir kein Vorteil, denn die Elizabeth Line steuert dieselben Bahnhöfe an, die auch von der Piccadilly Line befahren werden. Ich hatte mich so auf die alternative Verbindung in die City gefreut, aber langsam habe ich das Gefühl, dass das wieder so ein Rohrkrepierer wird, der unter Boris Johnson selten bis gar nicht stattfand. Warten wir ab.