Oft werde ich gefragt: Merkt man den Brexit in England schon? Meine tiefschürfende Antwort lautet: “Jein”. Zwar ist der Startschuß gefallen, nämlich am 29. März, aber durch die danach ausgerufenen Neuwahlen ist alles ein bißchen durcheinander gekommen. Die EU-Verhandlungen müssen warten, erst einmal will die Premierministerin wissen, ob das Volk hinter ihr steht. Laut Umfrage liegt sie bzw. ihre Partei, die Konservativen, uneinholbar vorne, aber mit den Meinungsforschern in England ist erfahrungsgemäß nicht viel los. Bei der letzen Wahl, Mai 2015, hatte man noch am Vorabend um über 10 Prozent daneben gelegen und bei der Volksabstimmung im letzten Juni war es nicht anders. Das die Vorhersagen falsch sind, liegt auch am Wahlsystem. Es gilt die Regel ‘the winner takes it all’ und das ist demoskopisch nur schwer vorhersagbar. Aber das eigentliche Interesse ist ja auch gar nicht politischer Art, sondern gilt einzig und alleine dem gewinnbringenden Wetteinsatz im Betting Shop an der Ecke. Vergleiche ich aber 2017 mit dem Vorjahr, dann hat sich wirklich etwas geändert. In London wird alles eine Nummer kleiner angeboten.

 

Wer wählen will, muß sich erst einmal registrieren lassen. Man bekommt den Wahlzettel nicht automatisch zugeschickt. Dafür kommen die Kandidaten gerne persönlich vorbei. Ding-dong, anybody at home?

 

Ein gutes Beispiel für den down-size ist der heutige zweite Geburtstag von Prinzessin Charlotte. Eine streng private Feier im kleinen Kreis. Immerhin ein offizielles Foto wurde veröffentlicht, das wieder von der Mutter aufgenommen worden ist. Das Interesse galt sofort der Strickjacke, die tatsächlich bei John Lewis (eine Warenhauskette) gekauft worden war. Binnen Minuten war das gute Stück ausverkauft und wahrscheinlich laufen morgen alle toddler in gelb durch London.

 

Gruß aus dem Kensington Palace: “Their Royal Highnesses would like to thank everyone for all of the lovely messages they have received, and hope that everyone enjoys this photograph of Princess Charlotte as much as they do.”

 

Schon der Geburtstag der Queen, am 21. April, wurde fast unbemerkt gefeiert. Richtig auffällig wird es dann aber im Juni werden, wenn gleich eine Reihe von großen Festen in ziemlich abgespeckten Format geboten werden. Dress-down heißt es überall. Liegt es nun daran, dass man nach dem Jubeljahr 2016 erst mal wieder Luft bekommen möchte oder hat es mit dem extrem engen Terminkalender zu tun? Denn im Juni ist wirklich einiges los, da stehen besonders den Londonern große Ereignisse ins Haus. Der Reihe nach: Am 8. Juni wählen die Briten ein neues Parlament. Eine vorgezogene Wahl, die turnusmäßig erst im Mai 2020 fällig gewesen wäre. Aber Theresa May, die Premierministerin, ist durch den Rücktritt David Camerons ins Amt gekommen und hat deshalb keine Bestätigung des Volkes. Genau das will sie aber haben, bevor sie in Brüssel die Brexitbedingungen verhandelt. Der Zeitpunkt ist günstig, denn die Opposition ist schwach wie nie. Ihr Vorsitzender, Jeremy Corbyn, konnte bisher niemanden überzeugen; er wird keine 30 Prozent Stimmen holen. Kleinere Parteien sind relativ unwichtig, denn der Engländer mag keine Koalitionen. Man erwartet einen haushohen Sieg der Torries und damit wäre Theresa May ungemein gestärkt.

 

Kein pomp, keine ceremony. Im letzten Jahr fuhr die Queen in der goldenen Kutsche beim Parlament vor. War schon beeindruckend.

 

Am 19. Juni findet dann die Parlamentseröffnung statt. Das jährliche State Opening ist ein ganz wichtiger Termin im königlichen Kalender. Eigentlich der einzige Anlass, an dem die Queen in voller Robe, mit Krone auf dem Kopf und Zepter in der Hand, das House of Lord betritt und die vom Premier geschriebene Rede vorlesen wird. Erstmals seit Jahrzehnten wird die Königin diesmal auf jeden Pomp verzichten. Statt goldener Kutsche kommt sie im Auto vorgefahren und wird auch nur zivile Kleidung tragen. Ein ziemlicher Aufreger. Man hat den ganzen Termin, das State Opening, kurzfristig auf diesen Tag verschoben, weil die Neuwahl es verlangt. Hinter der Hand wird aber gemunkelt, dass das Pferderennen in Ascot, dass am 20. Juni beginnt, der eigentliche Grund ist. Die Queen ist tolerant und nachgiebig, aber Royal Ascot ohne sie ist undenkbar. Immerhin laufen dort auch ihre Pferde und nicht selten queren sie als erste die Ziellinie. Dann klingelt die Kasse und die Königin eilt zum Wettschalter.

 

Royal Ascot. Viertägige Show der Superlative. Lords in Frack und Zylinder neben gut behüteten Damen. Am Ladies Day fießt der Champagner in Strömen und die High Heels werden abgestreift. – Das Spektakel findet in Südengland statt, vor der Haustür der Windsors.

 

Eigentlich müßte nach dem State Opening auch noch der Empfang der ehrenwerten Mitglieder des Hosenbandordens stattfinden. Der jährliche ‘service of  the Order of the Garter’ wurde aber ersatzlos gestrichen. Seit Jahrzehnten das erste Mal. Oh, ha. 

Zwischen Neuwahl und Parlamentseröffnung muß auch noch die Parade abgenommen werden. Ein weiterer tagesfüllender Termin für die Queen. Das farbenfrohe Trooping the Colour, das am 17. Juni stattfindet, ist gleichzeitig ihre öffentliche Geburtstagsfeier. Weil auch dort die Pferde die Hauptrolle spielen, war der Termin für die Königin nicht verhandelbar. Und ein weiterer Tag im Juni ist in ihrem Kalender rot markiert, nämlich der Geburtstag ihres Mannes. Und den feiern sie am 10. Juni. Sicherlich auch im kleinen Kreis. Wollen wir mal hoffen, dass es am Vortag keine bösen Überraschungen gibt. Bei den Engländern weiß man nie wonach ihnen gerade der Sinn steht. Immerhin finde ich es bewunderswert, dass man noch immer das Volk entscheiden lässt. Das nenne ich echte Demokratie und tiefes Vertrauen. Good luck.

 


Bei uns werden vor der Wahl Umfragen veröffentlicht. Bunte Balken zeigen uns die erwartete Verteilung der Stimmen. Daneben werden dann gleich die Zahl der Sitze berechnet. Alles auf drei Stellen nach dem Komma genau. In England ist das ein bißchen anders. Den Leuten ist die Darstellung zu kompliziert, sie kratzen sich den Kopf und fragen, was bedeutet das denn nun? Wirklich interessant ist eine andere Liste, denn die bedeutet bares Geld:

  • Conservative – 1/20
  • Labour – 12/1
  • Lib Dems – 50/1
  • Ukip – 200/1
  • Greens – 500/1

Ja, es sind die Wettquoten. Die Sache scheint ziemlich eindeutig zu sein. Ach so, es geht natürlich um die Wette ‘Wer bekommt die meistens Stimmen’?


 

PS: “When will begin the Brexit negotiations?” Na ja, natürlich nach der Wahl am 8. Juni bzw. nach der Parlamentseröffnung. “So they start at 20th of June?” Theoretisch ja, aber dann beginnen die Ferien. “But then? End of July?” Nee, da ist dann Hochsaison im Gemüsegarten und wir haben zwei Bank Holidays. Wie immer am ersten und am letzen Augustwochenende. Aber danach kann es dann zügig losgehen. “Are you joking?” Nein.

 

Nachtrag

Gerade gab der Buckingham Palace bekannt, dass Prinz Philip ab Herbst 2017 in ‘Rente’ gehen wird. Am Vormittag wurden alle Angestellten des Royal Households zusammen gerufen. Das passiert höchst selten und manchem wird das Herz in die Hose gerutscht sein. Sollte die Königin aus welchen Gründen auch immer den Thron an ihren Sohn weitergeben, dann wird der sein eigenes Personal mitbringen und viele verlieren dann ihre Arbeit. So hörten sie besonders aufmerksam dem Sprecher zu, als er ihnen verkündete: “His Royal Highness The Duke of Edinburgh has decided that he will no longer carry out public engagements from the autumn of this year. In taking this decision, The duke has the full support of The Queen.” – Noch immer glaube ich an einen Rückzug der Queen, auch wenn Experten es für ausgeschlossen halten. Die Frau ist für Überraschungen gut. Ich bin mir deshalb nicht so sicher, glaube sogar dass man längst die Öffentlichkeit vorbereitet. Allerdings wird es kaum vor Mitte 2018 passieren, denn ihr Rücktritt bedeutet gleichzeitig die Krönung des Nachfolgers. Und das wird ganz sicher ein Medienspektakel. Golden Kutsche, Krönung, Versammlung auf dem Balkon … Wenn man die Wahl hat das zu planen, dann bestimmt nicht im grauen Winter. Wetten will ich darauf aber nicht.