Heute muß ich mal was ganz persönliches loswerden. Sozusagen On my own behalf. Am Ende werde ich wohl auch noch etwas von George berichten, aber er spielt diesmal nur eine Nebenrolle und London wird gar nicht erwähnt. Also seien Sie nicht enttäuscht; ich habe Sie gewarnt.

Es gab eine Disziplin, die mir meine Schulzeit sauer machte: Sprachen. Mit dem Wechsel auf das Gymnasium begann meine Leidenszeit. Die Regeln dort waren simpel, eine Sechs oder zwei Fünfer im Zeugnis führten zur Wiederholung des Schuljahres. Das hätte mich nicht beunruhigt, aber die Eltern dachten anders darüber. Ein Sitzenbleiben wurde nicht geduldet. 

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Während meiner Schulzeit gab es nicht viel zu lachen. Die Kinder scheinen es zu ahnen, da wartet nichts Gutes auf sie.

 Und so quälte ich mich voller schlimmer Erwartungsangst durch die gesamte Schulzeit. Jeden Herbst, -damals wurde man zu Ostern versetzt-, bekam ich die gefürchteten Fünfen in Englisch und Französisch als letzte Warnung ins Zeugnis geschrieben. Pünktlich zum Weihnachtsfest folgte dann der ‘blaue Brief’, in dem die Lehrer schon mal vorwarnten, daß meine Versetzung ernsthaft gefährdet sei und daß sie auf keinen Fall eine Schuld trifft, sondern alles an der Faulheit der Tochter läge. HALLO! Pädagogen studieren um die Kunst der Erziehung und Bildung zu erlernen. Dazu gehört auch die Motivation eines Kindes.

Dann Ostern, als die Anspannung für mich kaum noch auszuhalten war, kam das entscheidende Zeugnis. Gleich oben im Kopf stand ‘versetzt in Klasse xx’. Mir fiel eine zentnerschwere Last von der Seele, alles war gut, und so ging das jedes Jahr. Ich bin niemals durchgefallen! Aber ich war in all den Jahren ein spindeldürres Mädchen mit einem ziemlich angegriffenen Nervenkostüm.

Frl. Hinsch brachte mir Englisch bei. Die Hoffnung einmal eine andere Lehrerin zu bekommen erfüllte sich nie. Im Gegenteil, ab der Mittelstufe sah ich sie noch häufiger, denn nunmehr war sie auch meine Französischlehrerin! Das Gesicht dieser furchtbaren Lehrkraft sehe ich noch heute vor mir. Vor versammelter Klasse macht sie mich runter, prophezeite mit allem Nachdruck, daß ich die englische Sprache nie erlernen werde, weil ich einfach zu dumm und zu faul wäre. Blöderweise verinnerlichte ich das sofort, setzte mich mit gesenkten Kopf und beteiligte mich fortan gar nicht mehr am Unterricht. Ach was würde es mich freuen, wenn Frl. Hinsch diesen Beitrag lesen würde, dann könnte ich sie endlich mal darauf hinweisen, daß das erfolgreiche Lernen einer Sprache ganz genau das ist, was sie mir zu vermitteln hat. Wenn ich es nicht schaffe, muß man ihre Qualifikation auf den Prüfstand stellen. Also Frl. Hinsch, sechs, setzen.

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Englische Schüler tragen Uniform. Ich finde es gar nicht so verkehrt.

Ein ganz kleines bißchen mag diese traumatische Schulzeit Grund dafür sein, daß ich fast euphorische Freude empfinde, sobald ich mich auf englisches ‘Terrain’ begebe. Da freut sich dann immer eine ganz tief in mir vergrabene Zelle: Du kannst es also doch! Wow, ist das toll. Gut gemacht!

Frl. Hinsch allerdings würden meinen heutige Kenntnisse noch immer nicht genügen. Diese Lehrerinnen, die aus Überzeugung sich dem Leben verweigerten und deshalb großen Wert auf die Bezeichnung ‘Fräulein’ legten, verfolgten ganz eigene Unterrichtsziele. Ich habe keine Ahnung wozu sie uns Fremdsprachen beibrachten, aber ganz gewiß nicht, um damit Land und Leute kennenzulernen und ihnen dann zu sagen, daß man sie liebt.

Ich hatte gewarnt, dieser Beitrag ist ein ganz persönlicher. Aber lieber Leser, wir kennen uns nun schon so lange, daß ich die Gelegenheit zum Herzausschütten genutzt habe. Danke für ihr Zuhören!

Ich liege schon im Bett, während ich diese Zeilen schreibe. Morgen tippe ich sie dann in den PC. So arbeite ich am liebsten. George hat sich seinen Laptop mit ins Bett genommen. Er guckt sich mal wieder ‘nacktes Fleisch’ an und wundert sich dann, daß er nicht einschlafen kann.

Heute ist mir das ganz recht, denn ich habe noch ein Experiment geplant, wo er als Versuchskaninchen agieren soll. [Die Engländer nennen das guinea pig ?!?] Der Begriff paßt gut, denn ich werde ihm gleich eine Geschichte vorlesen, die den  Titel trägt: The rabbit who wants to fall asleep. Dieses Kinderbuch ist ein ganz besonderes. Obwohl im Selbstverlag erschienen, führt es zur Zeit die Amazon Verkaufsliste souverän an. Ich habe mir die Kindle Version gekauft und werde die kurze Geschichte gleich laut lesen. George stört es nicht, er weiß das ich gerne englische Texte laut lese, um die Aussprache ein bißchen zu üben. Das Gemurmel lenkt ihn nicht ab, wenn er mich auch manchmal korrgiert, weil ich Worte gar nicht über die Lippen kriege: goers oder outrageous. Wenn man weiß wo die Silben getrennt werden, ist es einfach.

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Diese Tiere gehören zum Quellenhof am Rodenbeker Teich in Hamburg-Wohldorf. Wir gehen dort gerne mal abends hin.

Das Besondere am sleepless rabbit ist, daß die Lektüre von Wissenschaftlern erarbeitet wurde. Auf den ersten Blick wird hier eine sehr liebenswerte Story erzählt, aber formal bietet der Text noch viel mehr. Er soll das Einschlafen garantieren. Und tatsächlich beginnt das Buch mit einer Warnung: Never read this book out loud close to someone driving any type of vehicle. – Das ist ernst gemeint.

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Ich fange also an zu lesen und es dauert gar nicht lange bis George sein Notebook zuklappt, sich reckt und dann in die Kissen kuschelt.

Etwas irritiert, aber ohne Nachfrage, blinzelt er mich von Zeit zu Zeit an, denn ich streue immer mal wieder seinen Namen in den Text ein und halte mich damit strikt an die Anleitung der Autoren. Ich muß mich ziemlich konzentrieren, nicht weil die Worte kompliziert sind, nein ich habe eher Probleme mit der Betonung. Die ist nämlich ebenfalls vorgegeben. Einige Worte sind fett gedruckt, andere kursiv, und das sind alles Anweisungen für den Vorleser. Schließlich muß ich hier und da ein Seufzen, Gurren oder wohliges Schmatzen einfügen und das muß ich wohl dosiert machen, sonst wird George doch noch misstrauisch.

Aber um den muß ich mir keine Sorgen machen. Nach zweieinhalb Seiten ist er eingeschlafen! Tiefer, gleichmäßiger Atem signalisiert mir, daß er bereits in der Alphazone wandert; da sucht er sich wohl gerade einen Traum aus, ganz wie man es in der Videothek machen würde.

Das Experiment hat tatsächlich geklappt! Voller Erfolg. Na ja, nicht so ganz. Wer liest mir jetzt eine Geschichte vor?

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Das Buch kann bei Amazon bestellt werden. Mir hat es gefallen.

Aber als ich das Licht ausknipse und die Decke über die Ohren ziehe, da werden auch meine Lider schwer. Und auf dem Weg zu meiner Traum-Videothek fällt mir auf einmal mein Deutschlehrer ein. Herr Peters, Deutsch und Mathe. Ich war ein bißchen verliebt in ihn, Mädchen-Schwärmerei. Sah er nicht ein bißchen wie George aus? Ich glaube schon, obwohl der trägt keinen 3-Tage-Bart. Und als meine Erinnerung an Lehrer Peters immer deutlicher wird, da höre ich ihn auf einmal aus der Vergangenheit mir zuraunen: “Brigitte, ihr Aufsatz ist ein Fleißarbeit, aber es fehlt an Inhalt. Dafür kann ich leider nur eine Vier minus geben. Tut mir leid, aber eine Erzählerin werden sie nie.

Was waren das bloß für phantasielose Lehrer? Wer solche Schule überlebt, muß das Leben nicht fürchten. Schlaf gut und träume süß. Morgen sind wir wieder Helden.