Während des Urlaubs wollte ich keine Zeile schreiben. Nun erlebe ich in kürzester Zeit so viel das ich platzen werde, wenn ich es nicht loswerde. Also Notebook aufklappen und los geht’s. Was mache ich bloß, wenn ich diesen Blog beende? George: “There’s a new theme and you will be part of a jigsaw. Just wait.”

Wir können uns auf kein Reiseziel einigen. Irgendwie sind wir beide ziemliche Versager, was die Urlaubsgestaltung angeht. Schließlich akzeptieren wir es, hören auf gemeinsame Leidenschaften zu finden und setzen stattdessen, ohne Hemmungen, eigene Favouriten durch. Die Strategie ist gar nicht schlecht. Ob ich will oder nicht, ich muß mich auf Dinge einlassen, die ich freiwillig nie gemacht hätte und siehe da, es tut gar nicht weh. Für George gilt dasselbe. Aber der Reihe nach.

Ich will die Cotswolds besuchen (wold = Heideland); für George so wenig lockend wie für mich ein Ausflug in die Lüneburger Heide. Einfach nur langweilig … Und dann, vor Ort, stellt man fest, dass man in einer wunderschönen Landschaft angekommen ist, und fragt sich, warum man seit Jahren nicht dort war.

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Quelle: Google Maps – Die Cotswolds erstrecken sich von Oxford bis Gloucester.

Die Cotswolds sind ein riesiges, geschlossenes Naturschutzgebiet, westlich von Oxford beginnend, und gleich sechs Grafschaften berührend. Reisebüros nennen die Gegend das Herz von England und die Engländer sprechen von der ‘Area of Outstanding Natural Beauty’. Und damit haben sie Recht. Wir alle kennen die gemütlichen Dörfer dieser Landschaft, denn sie wurden in unzähligen typisch englischen TV-Serien als Drehort gewählt. Nette kleine Ansiedlungen mit idyllischen Cottages und sehr alten, malerischen Kirchen.

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Typische, uralte Kirche mit abgebissenen Turm. Aus Feldstein gemauert. Kennt man eine, kennt man alle. Einen Besuch sind sie trotzdem wert. Immer wieder.

In den Häusern mit den auffallend schönen Strohdächern, leben Menschen mit großen Jagdhunden, rassigen Pferden und vor der Tür steht meist ein bulliger Landrover. Man trägt Tweed und Cordhose und zieht die Mütze tief in’s Gesicht. Manchmal glaubte ich uns mitten im Film-Set und wartete immer auf den Ruf ‘Action’. Aber es blieb alles still, es war alles echt und irgendwie zeitlos.

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Rote Telefonzellen und Briefkästen findet man in London kaum noch. Sie sind unter Sammlern begehrt und werden auch schon mal mitgenommen. Hier, in den Cotswolds, funktionieren sie sogar; dafür ist das Handynetz mausetot.

Wohlhabende Londoner kaufen sich gerne einen zweiten Wohnsitz in den Cotswolds und George hatte wohl befürchtet, ich könnte auch auf die Idee kommen hier den Lebensabend mit ihm zu verbringen. Aber ich lasse mich von der Landidylle nicht verführen, habe meine Erfahrungen diesbezüglich längst gemacht; einige Jahre lebte ich in einer alten Bauernkate im Alten Land, südlich der Elbe. Auch wenn die Häuser aufwendig renoviert sein mögen, wird der Strom noch immer per überirdischer Leitung eingespeist und das Internet ist kilometerweit mausetot. Den Heizungen traue ich auch nicht über den Winter.

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Ich verrate eine Geschäftsidee: Mülleimerboxen. Egal ob in London oder auf dem Dorf, überall stehen die Tonnen am Straßenrand. Ich dachte anfangs immer es wäre Abholtag. Weit gefehlt, es gibt keine diskreten Boxen, wo die “Bins” abgestellt werden können.

Für einen Ausflug, auch mehrtägig, sind die Cotswolds immer ein Tipp. Hinter jeder Straßenbiegung verbirgt sich eine noch schönere Ansicht als die vorherige und die Natur lädt zu ausgiebigen Wandertouren ein. Urgemütlich Gasthäuser finden sich überall und man kann für wenig Geld eine Übernachtung buchen. Jedenfalls in dieser Jahreszeit.

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So schöne Appartements kann man in den alten Häusern buchen. Hier lässt sich der Urlaub geniessen.

Nach zwei Tagen Natur pur ist George dran. Er darf den nächsten Tag bestimmen und das soll ein echtes Kontrastprogramm werden. Wo wir schon in Gloucester sind, bietet sich doch ein Besuch im Rugby Stadion an. Dort treffen die Teams von Schottland und Japan aufeinander; das Spiel ist ausverkauft, obwohl es schon um 14:30 o’clock beginnt. Sportfans wissen, seit einer Woche wird der Rugby World Cup ausgetragen. Die Engländer stehen mal wieder Kopf, glauben mal wieder eine Chance zu haben und sind bis Ende Oktober im Rugby-Rausch. Jedes Spiel findet leicht um die 8 Millionen TV-Zuschauer.

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Der Rugbyball ist oval. Die WM 2015 wird in diversen Englischen Stadien ausgetragen. Favoriten sind die Neuseeländer, Irland und England folgen mit weiten Abstand. Immerhin hat England das Auftaktspiel gewonnen.

Ich seufze, überlege kurz abzuhauen, zeige mich dann aber als Fairplayer. Okay, gestern lauschiger Wald, heute enthusiastische Rugbyfans. Zum Glück ist das Stadion nicht so groß, wir sitzen nahe am Spielfeld, das etwa so groß wie ein Fußballfeld ist. Es sind jede Menge Linien auf den Rasen gezogen und am Ende stehen zwei Tore mit meterlangen Pfosten, die steil in den Himmel ragen. So viel weiß ich von dem Spiel, dass der eiförmige Ball durch diese Stangen geschossen werden muß; allerdings nicht flach sondern steil aufsteigend, wie eine Rakete. Einen Torwart gibt es nicht.

Wet men im Regen. Die Herren tanzen sich schnell in’s weibliche Fan-Herz.

Ich erwarte nicht endende Langeweile, ähnlich wie bei den Cricketspielen, die ich trotz größter Mühe nach wie vor nicht verstehe. Aber alles was ich zu wissen glaube, alles was ich erwarte, ist grundfalsch. Der Nachmittag soll zu einem sehr kurzweiligen Ereignis werden. Und was die Herren auf dem Spielfeld zeigen, lässt uns Frauen begeistert applaudieren, wenn auch aus anderen Gründen als denen, die die mitgebrachten Männer von den Sitzen reißt. – Mir fällt auf, dass ich nicht die einzige Zuschauerin bin. Damen jeden Alters und aller Schichten putzen sich schon mal die Brillen, bevor es dann losgeht.

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Ein Rugby Spieler hat nicht nur gut trainierte Oberschenkel.

Die Spielregeln verstehe ich ziemlich schnell. George erklärt mir gerne die Details und zwei Stunden später bin ich erklärter Fan dieser Sportart. Es gibt viele Parallelen zum Fußball. Zwei Mannschaften (je 15 Spieler), versuchen den Ball in das gegnerische Tor zu kicken oder hinter der Torlinie abzulegen. Weil der Ball immer nur nach hinten gekickt oder geworfen werden darf, können die Spieler nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit dem Ball im Arm einfach drauf losrennen. 

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Typischer Einwurf (line-out) beim Rugby. Der Fänger wird hochgehoben.

Bei kleineren Regelverstößen ist ein ‘scrum’ fällig. Acht Spieler, die sogenannten Forewards, mit Körpern wie Kampfstiere umklammern sich bis eine einzige Muskelmasse mit 16 Beinen bombenfest auf dem Rasen steht. Der Schiedsrichter hat sie mit seinem Ruf: “Crouch, bind, set” dazu aufgefordert. Dann wirft der Scrum-Half, der Spieler mit der Nr. 9, den Ball in die Mitte des Menschenpulks. Nun beginnt ein irres Geschiebe. Wie der Schiedsrichter den Ball in den Augen behält, ist mir ein Rätsel.

Beinhart und trotzdem fair. Rugbyspieler bekennen sich zur Integrität, Leidenschaft, Solidarität, Disziplin und Respekt.

Auch wenn Rugby ein knochenharter Sport ist, gilt es Fairness immer und ohne Ausnahme zu zeigen. Da sind die Engländer eigen. Der Schiedsrichter ist nicht anfechtbar, was er entscheidet ist Gesetz. Wenn er sich unsicher ist, kann er jederzeit einen Videoentscheid anfordern. Das wird am Spielfeldrand gemacht und dauert meistens weniger als eine Minute. Die Entscheidungen des Referees sind nicht diskutiertbar. Nur die beiden Team-Captains dürfen ihn während des Spieles direkt ansprechen. 

Trotzdem wurde natürlich auch bei dieser Begegnung die ganze Palette der Fouls präsentiert: Beinstellen, Grätschen, Tritte, Bodycheck, Tackling und in den Weg stellen. Alles verboten. Es droht die gelbe Karte, die eine 10 minütige Pause für den Spieler bedeutet. Kleinere Regelverstöße führen zu einem Scrum für das gegnerische Team. 

Beim Rugby World Cup kämpfen England, Wales, Irland und Schottland miteinander. Deshalb zeigt das Publikum nicht den Union Jack sondern die Englische Fahne.

Die Spielstände ändern sich rasant. Es gibt 5 Punkte für einen Ball, der hinter der Torlinie abgelegt wurde. Weitere 2 Punkte sind durch einen erfolgreichen Torschuss möglich. Nach einem Foul können mit einem Strafkick (durch das Tor) 3 Punkte geholt werden und dasselbe gibt es auch für einen Torschuss (Dropgoal) aus dem offenen Spiel heraus. So ändert sich die Anzeige munter und ein Stand von 11:20 in der Halbzeitpause besagt noch gar nichts.

Bei der Olympia-Eröffnung sprang die Queen aus dem Hubschrauber ab, bei der Rugby WM Eröffnungsfeier tauchte Prince Harry auf einmal im Video als Gärtner auf. Er war persönlich anwesend zusammen mit seinem Bruder William und dessen Frau Kate, Duke und Dutchess of Cambridge.

Selten habe ich ein so spannendes Spiel gesehen. Kampfbetonter und doch fairer als Fußballspiele auf diesem Niveau. Rasant, kurzweilig und mitreißend. Das war nicht das letzte Mal, das ich im Rugby Stadion war. George ist einverstanden, die WM läuft noch den ganzen Oktober und in London wird gleich an zwei Orten gespielt: Twickenham und im Olympia Park. Die Engländer werden dort ihre Spiele austragen und natürlich drücke ich ihnen beide Daumen.

Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, dass wir uns partout nicht auf ein gemeinsames Urlaubsziel einigen können. Zum Glück stieß mein Vorschlag getrennt loszuziehen auch auf energischen Widerstand. So erleben wir auf einmal Dinge und besuchen Orte um die wir jahrzehntelang einen Bogen geschlagen haben. Mann/ich bin ein Gewohnheitstier. Oft braucht man doch nur einen kleinen Schubs und schon fällt das Laufen ganz einfach. Auch wenn es ein ganz neuer Weg ist. Also, trau dich – you go, girl!