Mit dieser Frage überrascht mich George, als wir den Sommer 2015 im Londoner Garten geniessen. Wir löffeln Erdbeeren mit Sahne (flüssig, nicht geschlagen!) im zugegeben ziemlich luxuriös ausgebauten “Gartenschuppen”, als er mir die sehr alarmierende Frage stellt. Ich bin perplex und kann nur mit der Gegenfrage antworten: “Anything wrong with our sex life?”

“What makes you think that?” will George jetzt mit groß aufgerissenen Augen wissen.  Ich ziehe die Schultern hoch: “you just said it.” – Unser Gespräch wird immer emotionaler, immer aufgeregter und immer privater. Deshalb spulen wir mal gut fünf Minuten vor und setzen dort fort. Als nunmehr also klar war, dass es am love life nichts zu beanstanden gibt, schließt sich der argumentative Kreis und wir kommen zur Ausgangsfrage zurück: “Two or three bedrooms?”

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Eine Einladung in den “Gartenschuppen” sollte man immer annehmen. Nur selten werden hier Harke und Spaten aufbewahrt. Wir machen es uns abends gerne im Gartenhaus gemütlich.

George liebt und praktiziert straightforwardness, mit anderen Worten er kommt in der Diskussion schnell auf den Punkt. Für mich manchmal zu schnell, denn ich bekomme die “Botschaften zwischen den Zeilen” gar nicht mit. Diesmal aber sind es nicht nur verborgene Zwischenzeilen die mir fehlen, sondern eine komplette Vorgeschichte. Warum auch immer, -und übrigens auch völlig okay-, hat George mir nicht erzählt, dass er sich mit einem Umzug innerhalb Londons beschäftigt. Er hat sich einige Angebote schicken lassen und will nun meine Meinung zu den Immobilien einholen. Das finde ich ausgesprochen schmeichelhaft.

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Ein dreigeschossiges Haus in Hampstedt ist unter £ 1 Mio. nicht zu haben

Natürlich kenne ich mich mit dem Problemen des Umziehens bestens aus, mein letzter Wohnungswechsel in Hamburg liegt gerade vier Jahre zurück. Übrigens ein Disaster! Mein erster und glücklicherweise letzter Umzug, der völlig daneben ging. Nach drei Monaten bin ich in die alte Wohnung zurückgekehrt. Das sagt wohl alles.

Aber ich habe tatsächlich einige Jahre bei einem Immobilienmakler in Hamburg gearbeitet und kenne deshalb die Materie ein bißchen besser als die meisten. So bin ich gespannt wie man es in England praktiziert. Es wird wohl nicht viel anders sein. Und das ist schon mal der erste große Irrtum.

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East Finchley hat viele Grünflächen. Es liegt gar nicht weit von Hampstead weg, auf der anderen Seite der Heath. Der Stadtteil ist in der engeren Wahl.

In England gibt es kaum leere Mietwohnungen. Die meisten sind möbliert, aber auch hier ist das Angebot nicht sehr groß. Die Mehrheit der Engländer wohnt im Eigentum, meistens Häuser (das typische zwei-/ drei-geschossige Reihenhaus). Weil es in England keinen Mieterschutz gibt, ist man in einer Mietwohnung rechtlich höchst unsicher untergebracht. Die Vermieter stellen oft willkürliche Ansprüche. Eine Kündigung ist jederzeit ohne Fristen möglich. Von einer guten Bekannten, die im Norden Englands eine Wohnung gemietet hatte, habe ich einige Geschichten gehört, die bei uns in Deutschland unvorstellbar wären. Sie durfte kein einziges Loch in irgendeine Wand dübeln und mußte sich jeden einzelnen Bildernagel schriftlich genehmigen lassen. Man kann auch sagen erbetteln. Dabei wohnte sie in einer Neubauanlage, zu einer recht teuren Miete. Alle Vierteljahr kam ihr Vermieter nach kurzer Anmeldung in die Wohnung und kontrollierte alle Räume ausführlich. Was immer ihm nicht passte, musste geändert werden oder die Kündigung drohte. Irgendwelche Reparaturwünsche ihrerseits wurden vom Vermieter als üble Provokation bewertet. Soviel zu den Mietverhältnissen in England und man darf das durchaus verallgemeinern.

Im teuren London, -Ausgaben und Einnahmen liegen ca. 30% über Durchschnitt des restlichen Landes-, leben über 70% der Bewohner in eigenen Immobilien. Da wundert es nicht, dass jedes dritte “Kind” noch im Alter von 45 Jahren bei den Eltern wohnt! Ich stelle mir kurz vor, bei George würde ein mittvierziger Mann herumlaufen und mich “Mom” nennen. A nightmare!   

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Der neue Pub ist schon gefunden. Ein Grund mehr für East Finchley. “Six real ales and Belgian beers.” Ausserdem “dog friendly”. Da sind die Würfel wohl schon gefallen.

Wer kann kauft sich ein Haus. Und zwar bereits in jungen Jahren. Ein großes Problem für die Eltern, die irgendwie versuchen ihren Kindern den Einstieg auf die housing ladder zu ermöglichen. Aktuell braucht man mindestens 12.500 Euro, um sich sein erstes Haus (in/um London) zu finanzieren. Damit lässt sich ein one-bedroom-house” kaufen, das im Ergeschoss ein Wohnzimmer und eine Küche hat, dann eine sehr schmale, steile Treppe zum Obergeschoss, dort ein Schlafzimmer und ein Bad. Alles zusammen hat ca. 50qm, also auf zwei Etagen! Ja, englische Häuser sind klein, einer der Gründe, warum sich das Leben im Pub abspielt. Man hat einfach keinen Platz um Freunde einzuladen.

Mit der Zeit wohnt man sich dann hoch. Man zieht zusammen, kauft ein größeres Haus (two bedroom house), bekommt Kinder und wechselt erneut. Mit Kauf des ersten Hauses, bzw. mit Aufnahme des ersten Kredits, begibt man sich in eine lebenslange finanzielle Abhängigkeit. Kaum einer schafft es schuldenfrei zu wohnen. Die Bankkredite lasten schwer. So bleibt auch kein Geld übrig, um notwendige Reparaturen durchzuführen. Und das ist der Grund, warum auch aktuell viele Häuser in einem jämmerlichen Zustand sind (einfache Verglasung, keine Wand- oder Dachisolierung, statt zentraler Heizung nur Elektroöfen usw.).

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Hampstead besteht nicht nur aus Villen. Nahe des Free Hospitals sieht es weniger elegant aus, aber teuer ist es auch dort.

George ist am anderen Ende der housing ladder angekommen. Er wohnt recht komfortabel in einem der besten Stadtteile: Hampstead. Als er das Haus kaufte war es bezahlbar, heute sind die Preise explodiert. Aber es gibt genug extrem gut verdienende Ehepaare, die sich die Kosten leisten können. So hat sich auch in Hampstead die Bewohnerstruktur gewaltig geändert. Es wurden viele neue Häuser gebaut, die aber kaum bewohnt werden. Denn die Eigentümer sind 80+ Stunden im Büro in der City und verdienen das Geld für die Kreditbank, den Kindergarten (sehr teuer) und das bißchen Privatleben, das bleibt. George ist old english school, er liebt das abendliche Schwätzchen im Pub, das regelmäßige gardening, ist bee-keeper und woodturner. Das passt alles nicht mehr so recht in die jetzige Wohngegend und deshalb hat er sich aufgerafft zum last time buy

Natürlich hatte ich auch diesen gängigen Begriff falsch verstanden. Ein last time buyer kümmert sich nicht etwa um eine Grabstelle, wie ich dachte (!), sondern reduziert seine Wohnbedürfnisse, nachdem die Kinder ausser Haus sind, -bis auf den einen Mittvierziger-, und zieht aufs Land, in ein kleines, gemütliches Cottage.

Das ich in die Planung einbezogen werde, begeistert mich natürlich. Ich fühlte mich schwer gebauchpinselt. George wußte es wieder typisch Englisch, also sehr romantisch zu formulieren: “You’re part of my DNA“. Uhhh, I’m melting away und das liegt nicht nur an der strahlenden Sonne, die am tiefblauen Londoner Himmel steht.

Schließlich bekomme ich noch ein wunderbares Zeugnis des englischen Humors von George geliefert. Seine Bank hat ihm mitgeteilt, dass sie die Sparzinsen von 0,9% auf 0,25% senken wird. Das wurde sprachlich nett verpackt: “We want to let you know that we have simplified your account.” Statt nun eine wütende Antwort zu formulieren oder sich gleich per Telefon Luft zu machen, wählte George die englische Variante. Er ließ die Bank wissen: “Sir, somehow I liked it better when it was more complicated. Yours sincerely, George J.”