Die Geburtstagsparty der Queen (93!) würde ich mir gerne noch einmal ansehen. Mir hat das im letzten Sommer richtig gut gefallen, da kam eine wunderbare Volksfeststimmung auf, wie wir sie in Deutschland kaum kennen. Wie immer wird man die Parade ‘Trooping the Colour’ zum Anlass nehmen, um die Monarchin hoch leben zu lassen. Blöd nur, dass natürlich genau an diesem Wochenende (immer zweiter Samstag im Juni) die Hotelpreise deutlich anziehen. Der Spaß kann ziemlich teuer werden. Aber es gibt einen Ausweg, der bei uns ziemlich unbekannt ist. Die ganze Parade wird an den beiden Wochenenden zuvor in voller Pracht und Länge geprobt. Einzig die Königin fehlt, aber da ich von ihr die Fotos bereits gemacht habe, wäre es zu verschmerzen. Warum also nicht schon im Mai nach London fahren? Nun, der Teufel lauert im Detail. Während wir uns dann langsam auf das Pfingstfest vorbereiten, feiert der Engländer seinen Spring Bank Holiday. Das geschieht stets an einem Montag, damit man ein langes Wochenende hat, das traditionell im Verkehrsstau verbracht wird. Same procedure like last year. Leider nutzt auch Transport for London den zusätzlich Feiertag und kümmert sich dann endlich mal detaillierter um die vielen Baustellen im U-Bahnnetz. Sie reparieren die defekten Weichen und ständig ausfallenden Signalanlagen und legen damit für drei Tage die Underground mehr oder weniger lahm. Ausgerechnet die Piccadilly Line wird gar nicht fahren und das macht die Anreise vom Airport Heathrow schwierig bzw. teuer. However, der Mai bleibt trotzdem in meiner engeren Wahl.

 

Gar nicht so einfach den richtigen Moment zu finden. Die Queen fährt in der Kutsche vorbei, die Menschen recken ihre Phones in die Luft und dann dreht sich die Königin auch noch regelmäßig nach links und rechts, zur jubelnden Menge. Ich hatte im Juni 2018 Glück, und fand einen guten, erhöhten Standort.

 

Ende Mai ist keine schlechte Wahl, denn es gibt noch eine andere britische Regentin, deren Geburtstag in dieser Zeit gefeiert wird. Ganz besonders in diesem Jahr, denn Queen Victoria wurde am 24. Mai 1819 geboren, also vor genau 200 Jahren. Sie kam im Kensington Palace zur Welt, -hoffentlich wurde dort zwischenzeitlich renoviert, bevor William + Kate einzogen-, und war dann die erste Königin, die den Buckingham Palace als Home für sich und die Familie wählte. Vorher liess sie ihn erstmals um- bzw. ausbauen, denn der uns so gut bekannte Gebäudeflügel zur Mall war ursprünglich gar nicht vorhanden. Das war ihr zu öffentlich, denn jeder konnte ihr quasi ins Fenster sehen.

Victoria war sicherlich eine große, bedeutende Königin, körperlich aber ausgesprochen klein. Sie maß nur 5 feet (1,52m) und in späteren Jahren, -sorry-, war sie auch fast genauso breit. Die Ur-Ur-Enkelin Queen Elizabeth II bringt es immerhin auf 1,63m, also four inches more. Aber das ist nicht entscheidend, die inneren Werte zählen und beide Damen verfügen über enorme Disziplin. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Beispielsweise die robuste Gesundheit, die Queen Victoria eine Regentschaft von 63 Jahren und sieben Monaten ermöglichte. Inzwischen wurde das von Elizabeth II getoppt, sie erreichte diese phantastische Marke bereits 2015 und steuert jetzt munter das 67. Jahr an. Trotzdem gibt es einen erwähnenswerten Aspekt in Victorias Krankenakte. Sie war die erste in der Familie, die das mutierte Gen für die Bluterkrankheit trug. Frauen sind davon (meistens) nicht betroffen, geben die tötliche Krankheit aber weiter. Victoria hatte neun Kinder und zahlreiche Enkelkinder, die in fast alle europäischen Königshäuser einheirateten. Auf diese Weise verbreitet sich die ‘Royal Disease’ wie ein Lauffeuer.

 

Victorias Morgendress wurde ausgestellt. Man erkennt gut, wie kleinwüchsig sie war. Vielleicht zeigte sie deshalb bevorzugt einen sehr strengen Blick.

 

Mit 16 Jahren traf Victoria auf Prinz Albert. Er war die Liebe ihres Lebens. Der Heiratsantrag wurde vier Jahre später gemacht, übrigens von ihr, denn es wäre gegen jede Etikette einer künftigen Königin eine solche Frage zu stellen. Zum Glück schrieb Queen Victoria fleißig und detailliert ihr Tagebuch und lässt uns auf diese Weise an ihrem Leben teilnehmen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, denn sie schreibt sehr anschaulich. So auch am Morgen nach der Hochzeitsnacht, als sie notierte: “I never, never spent such an evening!! My dearest dearest dear Albert … his excessive love & affection gave me feelings of heavenly love & happiness I never could have hoped to have felt before!” Na, da hat Albert wohl alles richtig gemacht.

 

Victoria liess ihrem Mann ein goldenes Denkmal bauen. Es steht am Rand des Hyde Parks, gegenüber der Royal Albert Hall. Ganz in der Nähe fand die Weltausstellung statt, die von Albert begeistert vorbereitet und unterstützt worden war.

 

Victoria sprach übrigens fliessend Deutsch. Sie hatte es bereits als Kind gelernt, neben Französisch, Italienisch und Latein. Sie war sprachlich begabt, was auch ihre Tagebücher beweisen. Mit ihrem deutschen Ehemann unterhielt sie sich privat nur auf deutsch. Man sagt, dass auch die Queen unsere Sprache fließend beherrscht, allerdings macht sie davon öffentlich nie Gebrauch. Genau wie ihr Ehemann und Prince Philip. Verstehen können sie uns alle und ich vermute, dass das auch für die nachfolgenden Generationen gilt. Prinz Albert von Coburg-Sachsen hat ohne Frage etliche deutsche Brauchtümer*) mitgebracht und in der englischen Gesellschaft verankert. Darunter auch den heiss geliebten Weihnachtsbaum. Sein Name Saxe-Coburg and Gotha musste nach dem ersten Weltkrieg verschwinden, man kam auf die geniale Idee sich nach dem Ort Windsor zu nennen. Übrigens wurde das von Queen Elizabeth 1960 noch einmal geändert. Ihre Nachkommen tragen seitdem den Nachnamen Mountbatten-Windsor, womit die deutsche Abstammung (Battenberg) durch die Hintertür wieder auftauchen durfte.

*) Haben Sie gewußt, dass Diner for One eigentlich einen deutschen Autor hatte. Dessen Text wurde später für das kleine Bühnenstück verwendet. Und nun kommt der Clou. Angeblich hat Prince Albert diese Geschichte, die ihm bekannt war, gerne im Gesellschaftskreis erzählt und damit dem Stück zu Popularität verholfen. Ob es stimmt? Wäre eigentlich nur fair, schließlich schauen wir es jedes Jahr zwei dutzend Mal im TV an. Die Engländer konnten es Silvester 2018 erstmals im Fernsehen verfolgen und fanden es überhaupt nicht witzig. Und das stimmt hundertprozentig.

 

Victoria’s Denkmal steht vor dem Buckingham Palace. Sie dreht dem Palast den Rücken, schaut die Mall entlang, die im Sommer immer prachtvoll mit Flaggen geschmückt wird. Ob ihr der Platz gefällt? Zu ihrer Zeit wollte sie keinen Blickkontakt zu der Prachtstrasses. Jetzt muß sie die massenhaften Touristen täglich aushalten.

 

Queen Victoria wurde früh Witwe, den Verlust des geliebten Mannes konnte sie nie verwinden. Sie zog sich auf die Isle of Wight zurück, ignorierte London und die Politik. Trotzdem war sie eine bedeutende Königin, mit viel Energie und klaren Vorstellungen. Das brachte Gegner auf den Plan und sie wurde nicht selten attackiert. Darunter sechs ernsthafte Angriffe, meisten mit der Pistole. Sie hat alle auf wundersamer Weise überlebt, wurde kein einziges Mal getroffen oder verletzt. Als sie schließlich im Januar 1901 starb war sie kurz vor ihrem 82. Geburtstag. Sie wurde in Windsor, im Royal Mausoleum at Frogmore, an der Seite ihre geliebten Ehemannes Albert beigsetzt.