Mir fällt kein Europäisches Land ein, dessen Premierminister so bescheiden residiert, wie der englische Prime Minister. Die Adresse seines Amtssitzes ist uns allen bekannt: Downing Street #10. Faktisch ist das richtig, aber offiziell ist es der Amts- und Wohnsitz von zwei hohen Würdenträgern. Nämlich sowohl vom ersten Lord des Schatzamtes als auch vom Premier. Da aber beide Ämter  immer von ein und derselben Person bekleidet werden, spricht man immer “nur” vom Prime Minister.

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Die Downing Street in London. Inzwischen zwar abgesperrt, aber keine Festung.

Der Nachbar zur linken Seite ist der zweite Lord des Schatzamtes. Er wohnt und arbeitete in der #11. Beide Häuser sehen gleich aus, sind eher schmal zur Straße und wirken wenig pompös. Allerdings sollen die Häuser eine beachtliche Tiefe haben, so dass sich mehr Raum hinter der Fassade verbirgt, als man vermutet.

Früher konnte jeder die Downing Street entlanggehen. Heute ist sie durch ein hohes schmiedeeisernes Gitter abgesperrt. Tag und Nacht stehen dort Polizisten und bewachen die Zugänge. Trotzdem ist es so manchen Besucher gelungen die Sperre auch ohne Genehmigung zu passieren.

Da wäre zunächst mal Foxy. Er wurde in der Weihnachtszeit öfter vor der Tür des PM gesichtet. Vielleicht hatte ihn die geschmückte Tanne angelockt? Aber wo ist er eigentlich hergekommen? Aus dem St. James’s Park? Wahrscheinlich, denn der liegt gleich dahinter und dort gibt es eine Duck Island. Für einen Fuchs sicher ein attraktive Adresse.

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Fox on the run. Der Engländer ist tierlieb und tolerant. Niemand sieht hier irgendeinen Handlungsbedarf. Weniger ist eben manchmal mehr.

Tatsächlich hat der Premier, also David Cameron und seine Familie, auch seine private Wohnung in der Downing Street #10. Und in typisch englischer Art wohnen sie unter der Dachschräge im 4. Stock! Das ist keine Werbekampagne, sondern es entspricht dem englischen Anspruchsdenken. Man braucht nicht viel um gut zu leben und damit ist man glücklich. Gelebtes Understatement.

Ein anderer tierischer Gast wird sehr oft gesichtet. Er hört auf den Namen Larry und ist der Chief Mouser des Premiers.

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Witzigerweise fand ich vor einigen Tagen ein Foto in einer englischen Zeitung, das mir sofort auffiel. Da lief doch tatsächlich mal wieder Foxy durchs Bild. Er scheint den Winter gut überstanden zu haben, denn das Foto wurde in diesen Tagen aufgenommen.

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Foxy ist wieder da. Inzwischen gar nicht mehr schüchter. Er weiß längst, dass die Polizisten ihm nichts Böses wollen. Vielleicht will er dem PM auch nur dafür danken, dass der die Fuchsjagd gesetzlich verbieten liess.

Das Wort understatement heißt wörtlich übersetzt Untertreibung. Allgemein ist es ein rhetorisches Stilmittel. Der Engländer aber hat es zum Lebenstil gemacht. Er nutzt es im Humor und im small-talk, indem er dramatische Situationen ganz beiläufig behandelt. Wenn ein Engländer gerade von seinem Arzt erfahren hat, dass er höchstens noch 3 Monate zu leben hat und dann von jemanden gefragt wird “how are you?” dann kommt ein “not too bad“. Mehr negative Mitteilung ist ihm nicht möglich, denn es ist ihm wirklich wichtig seinen Gesprächspartner stets glücklich zu machen. – Je besser ich das verstehe, desto größer mein Respekt vor diesen liebenswürdigen Menschen. Sie beherrschen die Zurückhaltung; das ist ein hoher gesellschaftlicher Wert.

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Das Gegenteil von Understatement nennt sich Übertreibung. In diesem Fall hätte man allerdings auch in England Verständnis.

Wenn Sie also das Vergnügen haben sich im small-talk auszutauschen, dann halten Sie den Ball flach. Jammern Sie nicht über Wehwehchen, antworten Sie nie mit einem nackten Yes oder No, geben Sie nicht an, weder mit dem Geld, dem Auto oder den Kindern. Überlegen Sie nicht was Sie ihrem Gesprächspartner alles von sich präsentieren wollen, sondern konzentrieren Sie sich auf ihn. Auf sein Wohlbefinden. Denn nur das zählt. Das Gespräch soll beiden positive Energie geben und wenn es richtig gut läuft sogar glücklich machen. 

Nirgends kann man es besser üben, als in Deutschland. Es laufen bei uns so viele Wichtigtuer, Miesepeter und Scheinkompetenzen herum, dass man leicht einen richtig harten Trainingspartner findet. Und wenn es einem dann gelingt, den anderen durch die eigene Freundlichkeit anzustecken und ihm sogar ein Lächeln aufzwingt, dann war das Gespräch erfolgreich. Vielleicht hat man keine Fakten ausgetauscht und vielleicht nimmt man kein neues Wissen mit. Stattdessen wird sich aber bald ein gutes Gefühl einstellen und das bewirkt manchmal Wunder.

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Ich habe George gebeten mir seine Sicht zum Thema Understatement in einem Satz zu schreiben und der ist es durchaus Wert zweimal gelesen zu werden:

The English are rightly renowned for their use of understatement, not because we invented it or because we do it better than anyone else, but because we do it so much. (Well, maybe we do do it a little better – if only because we get more practice at it.)