Der kultivierte Engländer trinkt gerne einen guten Tropfen. Abends, egal ob im Restaurant oder beim Dinner zu Hause, wird immer Wein auf den Tisch gestellt. Es, die eigentliche Hauptmahlzeit des Tages und sie wird eher nach als vor 20:00 Uhr serviert. Das späte, warme Essen erfreut sich noch immer großer Beliebtheit. Die Familie trifft sich am Tisch, man isst gemeinsam und erzählt sich vom Tag. Zu Fleisch, Gemüse und dampfenden Kartoffeln (meist gestampft) wird denn mit einem Glas Wein angestoßen. Das hat man sich von den Franzosen abgeguckt, wo man seit Urzeiten die Sommerferien verbringt. Das prägt Generationen.

Für eine gute Flasche Rotwein zahlt der Londoner um die £15 (20 Euro) ohne zu klagen. Lädt man zum besonderen Anlass ein, geht man auf Nummer Sicher und legt noch mal die Hälfte drauf. Inzwischen soll es ja sogar britische Winzer geben, die eine Produktion auf der Insel versuchen. Die Erfolge bleiben leider aus. Es dürfte genug Sonnentage geben und das Klima ist mild, aber vielleicht vertragen die Trauben die feuchte Seeluft nicht?

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Weinanabau in Kent auf der englischen Insel.

So kommen also meistens ausländische Weine auf den Tisch bzw. in das Glas. Rotwein aus Frankreich und Weisswein aus Österreich oder Italien. Inzwischen aber auch immer öfter aus Übersee: Australien, Südafrika, Kalifornien, Chile. Nur ein Land fehlt: Deutschland!

Als ich George darauf aufmerksam mache, verzieht er gleich das Gesicht. You won’t catch me with a glass of Sussex or anything sweet from Germany. Er ist von uns beiden der Weinkenner und also für den Einkauf zuständig. Ich habe mich mit Wein nie anfreunden können. Der Rote steigt mir sofort in den Kopf und der Weisse hat es auf meinen Magen abgesehen. Vielleicht söhne ich mich aber doch noch mit dem Rebensaft aus. Immerhin vertrage ich inzwischen den Champagner einwandfrei. Kein Sodbrennen und keinen Schwips (tipsiness ;-). Alles eine Frage der Gewöhnung. 

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Englische Weine. Es gibt sie, aber die Franzosen sind beliebter.

Also warum keinen deutschen Wein zum abendlichen Dinner? Den gibt es doch in allen Preis- und Qualitätslagen? George kennt den Grund und erklärt es mir. Deutscher Wein hat tatsächlich einen ganz schlechten Ruf in England. Übrigens genau wie Sekt, weshalb der Engländer immer gleich zum Champagner greift. In Deutschland habe ich ausschließlich sparkling wine getrunken und der hat mir durchaus geschmeckt. Andere Länder, andere Sitten. Das könnte man mit different countries, different customs übersetzen. Es geht aber eleganter: When in Rome, do as the Romans do! Das müssen Sie mal beim Dinner von sich geben, dann kippt ihrem Gastgeber das Glas aus der Hand. – Ich habe es ausprobiert.

Zurück zur Frage: warum gibt es in England kaum deutschen Wein zu kaufen? Ich denke einen Augenblick ernsthaft daran, dass die Winzer den Tropfen lieber selbst behalten, weil sie meinen die Engländer trinken alle Whisky oder Gin. Bei den Iren wird es anders geschrieben: Whiskey. Schmeckt aber gleich. Nein, der Grund ist woanders zu suchen. Er liegt schon einige Jahrzehnte zurück, damals in den frühen 70-er Jahren wurde in englischen Supermärkten deutscher Wein eingeführt. Man hatte aber nur billigen, süßen Wein im Angebot. Es wurde ausschließlich ‘Liebfrauenmilch’ verkauft und das Produkt versprach nur eins: einen dicken Brummschädel am nächsten Morgen. Das gefiel dem Engländer nicht und schon bald wurden die Flaschen aus den Regalen genommen. Sie waren nicht mehr an den Mann zu bringen.

Der Ruf war ramponiert, hands off! Ganz langsam scheint sich das aber zu ändern. Nach immerhin fast 50 Jahren! Die Geschäfte ordern wohl nach wie vor keine Ware bei deutschen Winzern, aber englische Touristen, die ihren Urlaub am Rhein oder im Schwarzwald verlebten, -beides nach wie vor beliebte Ziele-, schwärmen in höchsten Tönen vom deutschen Rebensaft. Wenn ihr corner shop nicht liefern kann, bestellen sie eben direkt beim Hersteller. Das Internet macht es möglich.

Das haben die großen Lebensmittelmärkte inzwischen mitbekommen und so ganz langsam reagieren sie. Da taucht auf einmal eine Riesling Spätlese oder ein Bernkarsteler Kabinettwein  im Flaschenregal auf. Und wenn die Märkte nicht aufpassen, dann schliessen Aldi und Lidl ganz schnell die Lücke. Beide sind in London (England?) inzwischen fest etabliert.

 

Die Auswahl ist riesig. Das Wein-Revier überlasse ich George.

Deutschland als Reiseziel belegt zwar nach wie vor einen hinteren Platz auf der englischen Rangliste, aber die Zahlen steigen stetig. Seit 2006 entscheiden sich immer mehr Engländer für einen Urlaub in Deutschland. Die Wende brachte die Fußball WM 2006! *) Deutschland war Gastgeber und präsentierte sich überaus erfolgreich. Man nahm uns als sympathisch, freundlich, modern, kurz attraktiv war. Prompt trauten sich die Engländer über den Kanal und merkten dann vor Ort, dass alles noch viel besser als gedacht ist. Berlin gilt inzwischen als mega cool. Wenigstens einen Kurztrip muß man sich dorthin gegönnt haben, denken viele junge Londoner.

*) Übrigens schieden die Engländer bereits in Runde 2 aus. Am Ergebnis lag die neue Begeisterung für Deutschland also gewiss nicht. – Andererseits schaffen sie es normalerweise nie weiter. Egal welche Sportart. Aber das muß unter uns bleiben.

Hamburg haben sie leider nicht auf dem Radar. Die Alten kennen es noch als Ziel der Luftwaffe. Ansonsten herrscht gähnende Leere in den Köpfen. Das muß sich ändern. Hamburg ist doch ausgesprochen anglophil. Mit den Franzosen haben wir nicht viel am Hut, die Franzosenzeit (1806-14) ist vergessen; auch dem preußischen Königshaus standen wir niemals besonders nahe. Der Hamburger Kaufmann war am Handel interessiert und der wurde über die Elbe abgewickelt. Und also standen die Hamburger Niederlassungen in Lissabon, Bordeaux, Amsterdam, Liverpool und London! In London gab es über Jahrhunderte eine bedeutende Hamburg-Vertretung direkt an der Themse. Ich glaube es war das Stahlkontor, wenn ich es richtig erinnere. 

(Da muß ich mal recherchieren, vielleicht findet man noch etwas vor Ort? Das würde mich sehr interessieren. – Später ergänzt: Nein man findet fast nix mehr, denn auf dem hanseatischen Steelyard wurde der Canon Street Bahnhof gebaut.)

Mein Urgroßvater hat Maschinenbau in Manchester studiert (um 1850) und meine Großmutter war um 1910 Kindererzieherin in London! Es gibt also Verbindung en masse, persönliche und geschäftliche. Deshalb lieber Hamburger Senat, legt euch mal ins Zeug. Intensiviert die Beziehungen zu England und vor allem rückt es ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ganz Hamburg steht Kopf, wenn die Kreuzfahrer der Cunard Line im Hafen festmachen: Queen Mary 2, Queen Elisabeth und Queen Victoria. Englischer geht’s nicht, da kann man doch mal den Londoner Bürgermeister einladen oder besuchen. Tut Gutes und sprecht darüber. Und holt die Olympiade nach Hamburg; es wird sich ganz sicher lohnen. Auch finanziell; da muß man mal ein bißchen weiter denken.

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Queen Mary 2 in Hamburg. Man kann sich nicht satt sehen. Gänsehaut pur.

 

Ich bleibe natürlich auch nicht faul. Klug schnacken und dann die Hände in den Schoß legen, kommt ja gar nicht in die Tüte. Stattdessen setzte ich mich an die Spitze der Deutsch-Englischen-Freundschafts-Bewegung und werde mein Letztes geben. “George, wir müssen kämpfen. Hart bleiben. Ab sofort verlängere ich meine Aufenthalte bei dir um mindestens einen Tag! Die Nation verlangt es.” Die Botschaft hat er verstanden, wenn auch die Begründung für ihn nebulös blieb. Ohne zu zögern stimmt er zu: “You can count on me. I’m here for you.” Na also, geht doch. Solche Trends setzte ich gerne.