Wer mich persönlich kennt, sollte diesen Beitrag am besten gar nicht erst lesen. Er/sie wird die Welt oder, -eine Nummer kleiner-, mich nicht mehr verstehen. Nach einem Leben in relativer Zurückgezogenheit habe ich mich hoffnungslos in das Londoner Nachtleben verliebt. Und dabei fing alles so harmlos an.

 

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Blick von der Waterloo Bridge auf das London Eye. Davor die Golden Jubilee Bridges, eine davon nur für Fußgänger, rechts Big Ben und das Parlament, im Hintergrund der Millibank Tower.

 

Ich fürchte in Hamburg habe ich keine zwei Dutzend Theaterbesuche in meinem relativ langen Leben gemacht, und da zähle ich Oper und Musikhalle schon dazu, aber in London ist das Wochenende ohne Ausgehen kaum denkbar. Das Angebot ist einfach überwältigend. Alleine gut  dreißig Theater laden alleine in der City, im West End, jeden Abend zum Besuch ihrer Vorstellung ein. 

Ich hatte mir “The Mousetrap” von Agatha Christie ausgesucht. Gerade weil ich das Stück kannte, schien es mir reizvoll. Statt mit Wörterbuch auf dem Schoß der Vorstellung mehr schlecht als recht zu folgen, konnte ich mich ganz auf die Aufführung konzentrieren. Und es war großartig.

Damit nichts falsch verstanden wird, auch Hamburger Theater bieten große Kunst. Aber es fehlt der Glanz. Und das ist nicht die Schuld der Schauspieler. Ich will mich da gar nicht ausnehmen, auch ich fand es bequem in Freizeitkleidung die Staatsoper zu besuchen. Applaudierte begeistert Sergiu Celibidache in der Laeiszhalle zu, als er in Hamburg mit seinem Orchester gastierten. Die Musiker im Frack, und ich, der Gast, in Jeans. Ich wußte es nicht besser. Jetzt hat London mir die Augen (und die Seele) geöffnet.

 

 

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St Martin’s Theatre im West End, zwischen Covent Garden und Piccadilly Circus

 

‘Die Mausefalle’ wird im St Martin’s Theatre gespielt. Das besondere daran ist die Dauer der Spielzeit. Seit nunmehr 63 Jahren (Weltrekord) wird das Stück jeden Abend vor ausverkauften Haus aufgeführt. Christie hoffte bei der Uraufführung, dass das Stück vielleicht acht Monate lang laufen könnte. So kann man sich irren.

Die Schauspieler wurden sicherlich mehrmals ausgewechselt, aber niemals änderte man den Spielplan. Und ich bin sicher, man wird es auch noch in den nächsten Jahrzehnten hier in London sehen können.

 

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Das wunderbar alte Foyer des St Martin’s. Sobald man eintritt fühlt man sich in einer anderen Welt. Genau das will Theater doch bewirken. Oder nicht?

 

So ein Freitag- oder Samstagabend in der Londoner City ist unsagbar schön. Ich fühlte mich lebendig wie selten. Alles ist so easy, so leicht. Es fängt schon mit der Anfahrt an. Natürlich mit der Underground. Für neun Stationen brauchten wir 15 Min.,  dann stiegen wir am Leicester Square aus. Weitere fünf Minuten Fußweg und schon sind wir am Theater.

Nach der Vorstellung übernahm ich die Führung. Wir gingen Richtung Soho, die Partymeile Londons. Nicht ganz unser Jahrgang, aber ich hatte etwas anderes im Sinn. Ich steuerte die Old Compton Street an und fand schnell was ich dort suchte. ‘Herman ze German’ ist hier zu finden. Nicht mehr als ein Imbiß, aber schwer angesagt. Man bietet Brat- und Currywurst frisch aus dem Schwarzwald an. Dazu Pommes und Paulaner Fass-Bier. Nicht doofes Black-Forest-Klischee sondern das Original.

 

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“Herman ze German” hat die volle Aufmerksamkeit. Auch die BBC war schon vor Ort und hat über ihn -und Deutschland- berichtet. – Lustig der Hinweis auf der Karte: “Grunz” is the same as oink! Da hat der Engländer wieder was dazu gelernt.

 

Die Besitzer haben zu Recht mordsmässigen Erfolg. Die Engländer lieben das Lokal, finden den Namen sehr witzig, “ze” soll das zu hart ausgesprochene “th” deutscher Zungen andeuten*), und dann natürlich die von allen Engländer heiß geliebte Wurst. Sie ist wirklich besser als jede englische Ware und das hat einen handfesten Grund, der mir bei Herman zugeflüstert wird. Englische Wurst wird mit hohen Brotanteil hergestellt. Deshalb ist sie ziemlich weich und eben nicht sehr geschmacksintensiv. Die Currywurst von Herman ist ganz wie von mir erwartet. Wunderbar. Noch zwei davon und mir wird schlecht 😉 So soll’s sein.

*) Da habe ich mit meiner Beobachtung ja gar nicht so falsch gelegen; ich hatte es im Beitrag “the secret” erklärt, wie man ganz easy auch das “th” aussprechen kann.

Inzwischen hat “Herman ze German” auch Shops in Charing Cross und Fitzrovia eröffnet. Seine Geschäftsidee hat sich als tragfähig erwiesen. Durch solche Initativen hat sich das Bild der Deutschen gewandelt. Immer schon galten wir den Engländer als wirtschaftlich und politisch stark. Dafür gibt es durchaus Anerkennung, ja Bewunderung. Aber die ältere Generation verbindet die deutsche Stärke immer, und auch noch heute, mit einem Gefühl der Angst. Irgendwie fürchtet man die Deutschen, allerdings rechnet niemand ernsthaft mit einer Kriegserklärung. Das ist mehr so ein Bauchgefühl. Und deshalb ist es gut, wenn man den Geschmack der Leute trifft, denn damit ist man schon auf dem halben Weg der Freundschaft angekommen.

Die jungen Leute haben sich endlich von dieser Antipathie befreit. Germany ist inzwischen schwer angesagt. Besonders Berlin und Düsseldorf, was ich mir nur damit erklären kann, das stündlich Flugzeuge von London ins Rheinland fliegen. Nach Hamburg kommt man bestenfalls dreimal täglich mit dem Flieger. Aber die jungen, gut ausgebildeten Londoner gehen inzwischen sehr gerne für einige Jahre nach Deutschland, um hier ihre Karriere auszubauen. Das freut mich sehr.

Der eher unübliche Imbiss nach dem Theaterbesuch scheint George gefallen zu haben. Ich glaube er hat nach pork & veal (Bratwurst) und smokey pork (Bockwurst) auch noch einen Schlag beef & pork (Chilli Beef) probiert. Wir verabschieden uns ‘all ze best’ und gehen noch ein bißchen durch die Gegend. 

Ein, zwei Ecken weiter und Covent Garden kommt in Sicht. Meine Güte! Ich kann es gar nicht glauben. Es war wohl um 1985 als ich das Orchester in Hamburg und Lübeck gesehen und gehört habe. Der weltberühmte Dirigent Sir Georg Solti hat es geleitet. Durch ihn habe ich Zugang zur klassischen Musik gefunden. Wie oft haben ich seine legendäre Decca Einspielung von Wagners Ring gehört, alle späten Haydn Symphonien und natürlich den ganzen Beethoven (1-9). Hatte ich mir nicht damals ausgemalt, wie es wohl im Londoner Opernhaus sein mag? Und jetzt stehe ich davor und bin so aufgewühlt, dass mir die Knie zittern.

 

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Covent Garden, ehemals Obst- und Gemüsemarkt, heute Oper und Einkaufsmeile

 

Auf engsten Raum pulsiert hier im West End das Nachtleben. Und nicht nur hier, inzwischen auch im East End und am südlichen Themseufer, in Lambeth und Southwark. Nur die City of London, das Bankenviertel ist nachts tot, aber der Rest vibriert. Genau wie ich. – Wir steigen wieder am Leicester Square in die Tube und sind keine 30 Minuten später zuhause. Wir trinken noch ein Glas Wein, bevor ich mich soweit beruhige, dass an Schlaf zu denken ist. London! Von dir werde ich noch oft träumen.