Bei meinem letzten London Besuch sind wir viel mit der Tube gefahren. Mir fiel die Benutzung sofort leicht, denn sie ist der Hamburger U-Bahn sehr ähnlich. Erst mit der Zeit stellte ich Unterschiede fest und einige sind kaum zu glauben. Ohne George’s Hilfe, wäre ich wohl nie darauf gekommen. Aber der Reihe nach.

Es war lange ruhig in Londons Underground. Das hat sich schlagartig geändert, als die Fahrer einen 24-stündigen Streik am letzten Mittwoch ausriefen. Die Scherengitter an den Eingängen wurden geschlossen, die Züge standen still und die Londoner mussten sich nach alternativen Fahrgelegenheiten umsehen. Das Auto kommt nicht infrage, weil niemand einen Parkplatz in der City hat. Die meisten steigen an solchen Tagen in die Busse um, wer kann geht einfach zu Fuß -und da nimmt der Londoner auch längere Strecken klaglos in Kauf- oder sie borgen sich ein ‘Boris bike’. Das sind Leihräder, die die Stadt zur Verfügung stellt. Da der Bürgermeister Boris Johnson heißt, werden die Räder einfach nach ihm benannt.

Anmerkung: Ich traue mich nicht in der City mit dem Rad zu fahren. Höchstens am Sonntag. Der Verkehr ist mir zu dicht und die Straßen sind oftmals schmal. In den Vororten ist das Radeln kein Problem. Ansonsten ist das Leihfahrrad eine gute Sache: das Stationsnetz ist engmaschig.

Bürgermeister Boris ist ein kantiger Typ; der streikenden Gewerkschaft rief er zu “pig-headed union leaders …”. Und die 12 Millionen Londonern wurden auch gleich informiert. Die Frage: “How bad will disruption be?” beantwortet er mit “It will  be very bad.” Ob das weiterhilft? Dem Engländer reicht es.

Aber wir waren natürlich nicht während des Streiks unterwegs. Als wir uns einige Vororte ansahen, war unteriridisch noch alles im Plan. George sucht noch immer nach einer neuen Adresse und sein favourisiertes Haus steht in East-Finchley / Highgate. Als ich den schönen Art-Deco Bahnhof sah, fühlte ich mich auf Anhieb wohl. Déja-vu?

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Der Bahnhof East Finchley (Northern Line). Kurz später tauchen die Züge aus dem Tunnel auf und fahren oberirdisch bis zur Endstation High Barnet.

Während der Fahrt fragte ich George mal wieder ein Loch in den Bauch und er war auskunftsbereit. Er erzählte über die Hitze in der Tube während des Sommers. Nicht alle Züge sind klimatisiert. “In summer, a trip on the Tube can get hotter than two rats making love in a wool sock.” Ich lache Tränen.

More fun?” Gerne. George sucht mit den Augen die Maps ab. Sie hängen überall und zeigen das Streckennetz. Ganz ähnlich wie in den Hamburger U-Bahnen. Dann wird er fündig:

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Hier wurde der Plan überklebt. Man kann es kaum erkennen. Aber Shepherd’s Pie ist natürlich Blödsinn. Die Station heißt Shepherd’s Bush. Der Witz zielt auf ein Lammfilet ab, das bei Ofenhitze 4 gebraten werden soll. – Englische Komik, diskrete Aufforderung zum Nachdenken. Das Gegenteil vom Brüller. Haben wir dafür ein Wort?

Aber es geht auch direkter. Sobald man weiß wonach man suchen muß, finden sich viele solcher gut gemachten Aufkleber. Man kann sie kaum erkennen. Sie sind äußerlich sehr professionell:

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Für die Pendler ist der Underground-Streik wahrscheinlich die Hölle. Sie sind schon bei optimalen Bedingungen oft um die  90 Minuten unterwegs. Mir macht es weniger aus, denn ich nutze gerne die Busse. Es gibt Linien die zeigen dem Besucher die Londoner Innenstadt besser als jeder Touristenbus. Einige Tipps kann ich geben, denn diese Strecken habe ich ausprobiert.

Route 24: Pimlico – Heampstead Heath: Man fährt durch den St. James’s Park, sieht den Buckingham Palace (Autos dürfen hier auf der Mall gar nicht fahren), dann geht es zu Big Ben und den Houses of Parliament, vorbei am Trafalgar Square (Nelson grüßt), im Hintergrund die National Gallery. Schließlich durch das bunte Camden Town (lock market) und dann landet man in Hampstead am Royal Free Hospital. Von dort kann man zu Fuß zur Hampstead Heath gehen oder man biegt vorher in den Keats Grove ein und klingelt bei uns.

Das war jetzt englisch gemeint; man lädt Leute ein, sagt ihnen sie könnten jederzeit vorbeikommen und wenn sie es dann tun, fällt man vor Schreck tot um. Falls also ein Engländer zu ihnen sagt: “You can drop by anytime” antworten sie mit “thank you” und vergessen es sofort wieder. Kommen Sie ja nicht auf die Idee zu sagen: “Oh, gerne. Wann passt es Ihnen?” Man wird sie nie wieder einladen.

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Route 11: Liverpool Street – Fulham: Erstmal geht es durch die City of London, direkt zur Bank of England. Dann vorbei an der St. Paul’s Cathedral, Fleet Street (früher Pressezentrum, heute ein bißchen verlassen), dann zum Sommerset House. Über die Straße ‘The Strand’ vorbei am Hotel Savoy. Schließlich kommt Whitehall in Sicht, dann Victoria Station. In der King’s Road endet die Tour. 

Oder man besteigt gleich eine der vielen Fähren auf der Themse. Sie gehören zum Londoner Verkehrsverbund und bieten für wenig Geld den besten Blick.

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Diese Karte der Themse-Fähren lässt sich per Mausklick vergrößern

Touristen kann ich nur immer wieder raten, sich rechtzeitig eine Oyster Card zu kaufen. Mit der Prepaid-Karte ist die Benutzung der Verkehrsmittel viel simpler und viel billiger. Nehmen wir an Sie fahren von Leicester Square mit der Tube nach Covent Garden. Dann kostet das nearly a fiver. Aber mit Oyster Card zahlen sie nur die Hälfte, nämlich £ 2.10 – Ortskundige sagen jetzt, welcher Idiot fährt diese Strecke? Denn die Bahnhöfe liegen nur 300 Meter auseinander. Und damit zeige ich Ihnen gleich die nächste Falle. Die Streckenkarten (maps) sind sehr schematisch gezeichnet. Sie zeigen nicht die wirkliche Lage der Bahnhöfe. Oder wie George sagt: “The map is the embodiment of organised chaos.”

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Oyster Card in den Leser schieben und schon öffnen sich die Barrieren. Bei der Ankunft dasselbe noch mal machen, dann wird der Preis automatisch ermittelt. Einfacher geht es nicht.

Auf dem Rückweg schieße ich schnell noch ein paar Bilder. George hat sein mobile phone dabei und damit lässt es sich immer ziemlich diskret machen.

crowdsIn den rush-hours sind die Bahnen voll. Egal wie eng Sie stehen, benehmen Sie sich englisch: Kein Wort sagen, keinen Körperkontakt, keinen Augenkontakt. Am besten Sie heften ihre Augen an einen Fleck an der Decke und bewegen sie bis zum Aussteigen nicht mehr. Wenn Sie schockieren wollen, -manchmal juckt einem ja das Fell-, dann fangen Sie mit einem Fahrgast ein Gespräch an. Er wird tausend Tode sterben bis er endlich an der nächsten Haltestelle fluchtartig den Zug verlassen wird.

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Am Freitag- bzw. Samstagabend ist die Atmosphäre eine ganz andere. Jedenfalls auf den zentralen Linien. Junge Leute schnattern dann fröhlich aufeinander ein und freuen sich auf die Bars und Clubs, die sie gleich besuchen werden.

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Warnung vor den Mäusen. Serious, no joke.

Absolut unbezahlbar sind die witzigen Hinweise, an denen man auf keinen Fall achtlos vorbeilaufen sollte. Egal was passiert, die Underground  informiert die Fahrgäste so gut und so schnell wie möglich. In den Zügen bekommt man die Nachrichten per Lautsprecher übermittelt. Da heißt es dann “sorry for delay, we have one under …”, also man entschuldigt den Halt im Tunnel zwischen zwei Bahnhöfen, weil die Strecke mal wieder wegen eines Unfalls gesperrt ist. Oder man wird mittels Zettel bzw. handgeschriebenen Plakats am Bahnhof über etwas wichtiges informiert. Meistens ist der Inhalt nicht kriegsentscheidend, aber die Formulierung des Misstandes ist fast immer sehr komisch. Das ist Ehrensache, man formuliert nicht langweilig. Was mich immer wieder in Bewunderung für die Engländer versetzt ist die Tatsache, das sie gar nicht lange nachdenken. Sie schießen es einfach so aus der Hüfte ab.

Wir sind jetzt den ganzen Nachmittag durch London’s Untergrund gefahren. Das Streckennetz haben wir nur zu einem Bruchteil genutzt. Es soll rund 250 miles lang sein und 270 Stationen verbinden. Wer im nördlichen London lebt, -also nördlich der Themse-, wird keine 10 Minuten brauchen, um zu einem Bahnhof zu gelangen. Das ist wirklich komfortabel.

east-finchKurz vor dem Bahnhof East-Finchley taucht die Bahn aus dem Tunnelsystem auf. Ab hier geht es oberirdisch weiter. Wir sehen uns noch einmal das Haus an; ich denke das wird die neue Adresse werden. Mir gefällt es hier, und zwar so gut, dass ich aufpassen muß die Orientierung nicht zu verlieren. Mein Rückweg führt immer noch über Heathrow Richtung Kontinent!