Am Donnerstag wird in England gewählt. Es sind zwar “nur” lokale Wahlen, also so etwas wie unsere Landtagswahlen, aber sie finden in fast ganz England und Nordirland statt. Es könnte eine böse Überraschung werden. Viele sind nämlich sauer über den nicht erfolgten Brexit und wollen den Parlamentariern im Londoner Unterhaus am liebsten die Kündigung ausstellen. Und das können sie am 2. Mai machen, denn die Abgeordneten haben ihre Wahlkreise in England und genau dort müssen sie sich eine Mehrheit sichern, sonst wackelt der Stuhl in Westminster. Man ist nervös, denn es könnte zu erdrutschartigen Verlusten kommen. Angeblich wollen 40% der Wahlberechtigten, aus Protest, der neuen Brexit Partei die Stimme geben. Der Name ist neu, der Mann dahinter alt, nämlich der bekannte ehemalige UKIP Leader Nigel Farage. Ein wortgewandter Verführer, wie so viele Politiker heutzutage. Ich hoffe es kommt wie immer, nämlich völlig anders als erwartet. 

Kaum hatte ich meinen Beitrag geschrieben, fand ich diesen Leserbrief im Telegraph.

Es gibt eine merkwürdige Haltung in England gegenüber dem Wahlrecht. Man mag nicht abstimmen, obwohl man natürlich die Demokratie sehr schätzt. Aber sich auf irgend etwas festzulegen ist ganz und gar unenglisch. Viel lieber lässt man sich ein oder auch gleich mehrere Türen offen. Es macht doch viel mehr Spaß, wenn man noch ein oder zwei überraschende Kehrtwendungen machen kann. So ein Wahlkampf ist einfach zu langweilig, weil alles genau festgelegt ist.

Alleine die ungeliebten Besuche der Abgeordneten an der Haustür und die hässlichen Plakete, die die Sicht auf den Dorfteich versperren, sind dem Engländer nicht geheuer. Mag sein, dass die nächsten zwei oder drei Monate zum Härtetest für ihn werden. Denn es könnten schnell drei Wahlen ins Haus stehen: Erst einmal die Lokal-Wahlen in dieser Woche, dann die EU-Wahlen ab 23. Mai und dann möglicherweise eine neue General Election, falls Mrs May zurücktritt oder getreten wird. Eine echte Herausforderung für eine Nation, die sich mit der Organisation von bürokratischen Abläufen verdammt schwer tut. Dazu kommt, dass man keine Wahllokale hat. Jedes Mal dasselbe Drama, wo sollen die ‘Polling Stations’ aufgebaut werden? Die Schulen, die wir gerne nutzen, fallen flach. Denn in ganz England wählt man traditionsgemäß stets an einem Donnerstag und da findet Unterricht statt. Warum man nicht am Sonntag wählen kann, weiß ich nicht, habe aber einen Verdacht. Wer die Trinkgewohnheiten an einem durchschnittlichen Samstagabend kennt, ahnt, dass der Sonntag nicht infrage kommt. Trotzdem geht Alkohol und Wahlpflicht in England gut zusammen. Man wählt nämlich oftmals im örtlichen Pub. Einer der Tische wird zur Wahlkabine erklärt und so kann man erst am Tresen ein wenig fachsimpeln und dann irgendwann zur Wahl schreiten. Das erklärt vielleicht auch das Ergebnis der Brexit Abstimmung, jedenfalls ein wenig. Wo in England überall gewählt wird bzw. gewählt werden darf (wurde die internationale Wahlkommission darüber eigentlich informiert?) und wo es tatsächlich dutzende Male stattfindet, das dokumentieren diese Fotos. Nein, ich habe sie nicht manipuliert.