Bevor ich meine erste Reise nach London unternahm, war ich nie im Urlaub gewesen. Weder als Kind, noch in späteren Jahren. Das hatte verschiedene Gründe, die allesamt eher traurig sind und deshalb in der Versenkung bleiben dürfen. Ich bin also nicht gerade eine Reiseexpertin und doch will ich heute über die Ferienziele der Deutschen erzählen. Ich glaube es fing in den 70-er Jahren an, als Mallorca vom deutschen Massentourismus überrollt wurde. Der Bildungsbürger mit kulturellem Anspruch bevorzugte die Toscana, wo er übrigens nicht weniger hordenhaft einfiel. Und dann gab es noch die Romantiker, die es ebenfalls ans Wasser zog, nämlich ganz in den Südwesten von England. Sie versammelten sich in Cornwall, am Strand von Land’s End, und ließen den verträumten Blick über den Ozean schweifen. Heute gibt es andere, viel weiter entfernte Ferienziele, weil das Fliegen zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Mallorca wurde uns zu billig, die Toscana zu verschlafen, nur Cornwall ist noch immer fest in deutscher Ferienhand. Es boomt sogar, denn die Rosamunde Pilcher Filme, die seit Jahrzehnten in Endlosschleife am Sonntagabend im TV laufen, zeigen Wirkung. Alle wollen dem Glück begegnen, von dem sie in ihren millionenfach verkauften Romanen erzählt und alle glauben es wäre in Cornwall zu finden. Dort wurde die Autorin 1924 geboren und seit 1997 wurden sage und schreibe einhundertfünfundreißig ihrer Filme im deutschen TV gezeigt, jeder mindestens sechs mal wiederholt. Rechnen Sie es sich selbst aus. Mehr Werbung geht nicht.

 

Links Devon, rechts Cornwall. Schon Daphne du Maurier, die übrigens auch die Vorlage zu Hitchcocks ‘Die Vögel’ schrieb, stellte bei ihrem ersten Besuch in Cornwall  fest: “Seeing the harbour and the boats, hearing ducks outside the window, was just like falling in love.” Sie, die Schriftstellerin du Maurier, die in London aufwuchs, blieb bis zu ihrem Lebensende.

 

Weil ich selbst eine große Romantikerin bin, habe ich nicht das geringste an der Happy-End-Pilcher-Welt auszusetzen. Allerdings ist mir das Filmformat zu lang. Neunzig Minuten höchster Genuß, von was auch immer, ist einfach zuviel für meine Sensitivität. Und überhaupt will ich hier lieber vom realen Cornwall erzählen, ganz besonders von den Bewohnern. Die sind über den Tourismus ziemlich froh, denn das Leben auf ihrer Halbinsel ist ein hartes. Es gibt nicht viele Einnahmequellen und ohne die Urlauber wäre es zappenduster. Genaugenommen ohne die Deutschen, denn sie sind mit Abstand die größte Gruppe der holiday maker. Längst hat man sich auf die Gäste vom Kontinent eingestellt. Man spricht unsere Sprache, legt passende Adapter für deutschen Stromstecker ins Hotelzimmer und reagiert gelassen, wenn der teutonische Besucher in zerknitterten Shorts, Socken und Sandalen über die Promenade schlurft*). Aber eine Sache nimmt man uns krumm, sogar sehr. Nämlich das kein einziger Deutscher den Unterschied zwischen Devon und Cornwall macht. Von Somerset und Dorset will ich hier gar nicht reden. Für uns ist alles was im Südwesten der englischen Insel liegt Cornwall. Falsch!

*) Mal seh’n was der Experte von uns Deutschen hält. “George, wie siehst du den typischen Touristen?” “The British is drunk, fat and sunburnt. And the German is arrogant, boring and nude.” “Danke, das reicht. Gut, dass ich den Blog schreibe.” “And the German build a little wall to protect their spot on the beach.” … “And most strip down to their birthday suit.” … “For a nation that sometimes finds it difficult to bare its soul, the German people are surprisingly relaxed when it comes to baring their bodies.” … “That apparent lack of humour came up too.”  … “And they take their holidays so seriously that it is hard to tell if they are actually having fun.” – “Ja, nun ist ja man gut. Und du weißt doch hoffentlich, dass ich auch Deutsche bin, oder?” “You’re so cute, I love you.”

 

Der deutsche Tourist ist immer bestens vorbereitet. Leider kommt bei ihm der Spaß zu kurz. Die Engländer fallen im Urlaub durch drei Eigenschaften auf:  fat, drunk and sunburnt. George schüttelt den Kopf und fragt nach: “What do you think are holidays for?”

 

Sprechen wir von Cornwall, Devon oder Somerset, dann reden wir von Grafschaften. Ihre Grenzen sind uralt, sie gehen auf Gebietsteilungen zurück, die bereits von den Römern verteidigt wurden. Gerade zwischen Devon und Cornwall verlief eine der wichtigen Stammesgrenzen, denn sie war die Aussenlinie des Kingdom of England. Jede Grafschaft, damals ‘shire’ heute ‘county’ genannt, wurde von einem ‘sheriff’ verwaltet und verteidigt. Das ist zwar über 1.200 Jahre her, aber seiner Grafschaft fühlt man sich auch noch heute zugehörig und reagiert deshalb verärgert, wenn man in Devon lebt und als Cornwallian (hoffentlich ist das so richtig?) bezeichnet wird. Kann ich gut verstehen, denn ich bin Hamburgerin und möchte nicht als Niedersächsin oder Schleswig-Holsteinerin betrachtet werden. Genauso geht es Cornwall und Devon, sie leben in gutwilliger Konkurrenz. Devon ist stolz darauf, die einzige englische Grafschaft mit zwei Küsten zu sein. Damit werben übrigens auch die Schleswig-Holsteiner. Und sie betonen, dass die Anreise von London oder Dover gut zwei Stunden kürzer ist, als die Anreise nach Cornwall. Tatsächlich machen die meisten Deutschen inzwischen Urlaub in Devon, haben davon aber keine Ahnung. Sie glauben in Cornwall zu sein! Was für ein Irrtum. Man muß doch nur beim Afternoon Tea aufpassen wie die leckeren, ofenwarmen Scones gegessen werden und schon weiß man, ob man die Grenze passiert hat. In Cornwall greift man erst zur Marmelade und streicht dann die Clotted Cream darüber, in Devon, -und ganz England-, macht man es anders herum. David Cameron hatte es einmal vor laufenden Kameras falsch zelebriert und prompt verlor er die Wahl. Na ja, nicht wirklich, aber man befürchtete es nach seinem Auftritt in Cornwall.

 

St Ives in Cornwall.

 

Wenn Sie also das nächste Mal ihr Hotel im Internet suchen, dann google Sie doch mal nach Devon oder Dorset. Das sind alles herrlich erholsame Urlaubsziele, für Leute die die Natur lieben und die sich freuen, wenn hinter der nächsten Ecke schon wieder eine wunderschöne, uralte Kathedrale auftaucht. Malerische Fischerdörfer, Delphine im Wasser und familienfreundliche Hotels. Der Hund darf meistens auch gerne mitgebracht werden. George ist auch ein Devon Fan. Sein subjektives Urteil lautet: “Cornwall is a lot windier and colder and I think they are more friendly in Devon. And they speak funny down there.” Was man von den Leuten in Birmingham, wo er herkommt, auch sagen kann. Aber das findet er überhaupt nicht und da ist wohl jeder Einwand zwecklos. Was spricht noch für Devon? Die herrlichen Strände mit endlos weiten Dünen und weissen, feinen Sand. Die Buchten mit steilen, schroffen Felswänden. Gleich dahinter beginnen Naturparks mit ursprünglichen Landschaften wie sie in Dartmoor oder Exmoor zu finden sind. Und überall wird Ihnen der beste Cream Tea Englands serviert. Cornwall ist dagegen viel sanfter. Alles ist in zarten Pastelltönen, man spricht automatisch leiser, wenn man auf einer der vielen Terrassen den Ausblick über das Meer genießt. George sagt Cornwall ist mehr far-flung, was wörtlich entlegen heißt, aber er meint damit eher das Wesen der ‘Entrücktheit’. In Cornwall kann man seinen seelischen Schmerz heilen aber auch seinem Leben ein Ende setzten. Das ganze Spektrum ist möglich. Eigentlich kann ich mich gar nicht entscheiden, für welche Grafschaft ich votieren soll. Deshalb mein Rat, besuchen Sie den ganzen Südwesten des Landes. Am besten ein Auto mieten, dort unten ist der Verkehr überschaubar, und dann auf gut Glück losrollen. Eins kann ich garantieren, sie werden nicht lange fahren müssen, bis ihr Beifahrer sagt: “Ohhhh schau doch, wie schön. Lass uns aussteigen, das will ich mir ansehen.” Viel Spaß und schicken Sie mir doch mal ein Urlaubsfoto. Darüber würde ich mich dann freuen.

 

Dartmouth in Devon