Samstag Nachmittag muß George noch einmal in sein Institut und ich soll ihn begleiten. Das ist mir eigentlich gar nicht recht, denn ich “scheue” mich davor seine Arbeitsstelle zu betreten. Da sie rund um die Uhr, ganzjährig besetzt ist, werden wir auf Mitabeiter treffen und das finde ich ein bißchen “peinlich”. Ich bin gewohnt strikt zwischen privaten und beruflichen Leben zu trennen. Das kann George nicht verstehen, denn in England geht man damit ganz anders um. 

Der stets so zurückhaltende Engländer verkehrt erstaunlich “privat” mit seinen Kollegen. Bevor man abends nach Hause fährt, kehrt man noch kurz in den “Office-Pub” ein. Dort trifft man auf Kollegen und erzählt beim Bier freimütig über die Familie, die Kinder oder eben auch die Freundin!

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Freitag geht es im Pub hoch her. Man erzählt den Kollegen auch gerne private Dinge. Da fallen schlagartig alle Barrieren. Hier ist das “Wildschwein” erlaubt.

Am Freitag trifft man sich schon früher im Pub. Dann geht es zur Sache. Da ist der Bierkonsum deutlich höher und man vergisst schnell alle Regeln des gesitteten Umgangs. Egal was passiert, egal wo man aufwacht, am Montag sieht man sich im Büro, und tut so als hätte der Abend nie stattgefunden! Ich wollte es nicht glauben, bekam es aber mehrfach bestätigt.

So ist es also keine Hürde, wenn ich, die deutsche Freundin, dort mit dem Boss auftauche, und vielleicht ist es tatsächlich angebracht. George hat schon lange eine Teilhaberin, die im Begriff ist seine Nachfolge anzutreten, und die natürlich umso mehr gefordert ist, je mehr er sich zurückzieht. Und daran bin ich ein kleines bißchen “Mitschuld”. Das Wort ist übrigens ganz fehl am Platz, denn die Frage der Schuld wird in England nie gestellt. No blame-culture. Ein weiterer fundamentaler Unterschied zu uns, über den ich demnächst gerne schreiben würde.

Wir sind gar nicht lange in kleiner Runde im gemütlich eingerichteten Büro, als wir schon wieder aufbrechen. Aber nicht nach Hause, sondern in den Pub, wo die Unterhaltung bei einigen Bieren fortgeführt wird. Nun aber mit gänzlich anderen Themen. Man redet dort privat, man macht Witze, nimmt sich auf den Arm, aber bitte keine geschäftlichen Dinge erwähnen. Das stört bzw. langweilt.

[Wieder ein Fettnäpfen, in das jeder deutsche Geschäftspartner mit ziemlicher Sicherheit hineintritt.]

Der Alkohol ist kein Problem. Es gibt zwar auch in England eine Promillegrenze für Autofahrer, -ich glaube bei 5 Promille-, weil aber niemand mit seinem Wagen nach London hineinfährt, können alle unbedenklich trinken.

Der einzige der noch fahren muß ist George und weil er darauf keine Rücksicht nimmt, weiß ich, dass ich ans Steuer darf. Was ich inzwischen ganz gerne mache; es ist wirklich nicht so sehr anders, allerdings fährt es sich im Linksverkehr viel einfacher, wenn man ein englisches Auto hat. Also als Fahrer rechts sitzt.

Im Pub scheint es ein großes Thema zu geben, dass alle bewegt. Es dauert ein bißchen bis ich dahinter komme, was mit WILD BOARS gemeint ist. Es geht um Wildschweine.

Ich verstehe die Aufregung nicht, die das Thema bei allen hervorruft. Dann klärt George mich auf: “They charge at 30mph, have razor-sharp tusks (Hauer) live in a forest nearby and now they’ve started attacking humans.” Ich schmunzel, hatte ich doch gerade einen Wildschwein-Cartoon in diesem Blog benutzt. Ich stimme ihm zu, erzähle von den vielen Schweinen im Duvenstedter Brook und das sie auch in die Gärten kommen. Eines ist vor einigen Jahren aus Angst vor den Verfolgern, in die Glastür des Fitness-Clubs (!) in Volksdorf gesprungen. Ich kann darüber laut lachen.

Aber scheinbar können es die anderen nicht! Ich blicke in eine Gesichter-Wand des Unverständnisses. Selbst George schaut mich grimmig an. “Are we talking about the same creature? A wild boar weigh 25 Stone and leap six-foot fences!” Das beeindruckt mich wenig, nicht nur weil ich die Angaben noch immer ziemlich komisch finde (Steine, Füße??). Nein, es geht um etwas viel Fundamentaleres. Es scheint mir, dass die Engländer eine Heidenangst vor Wildschweinen haben. Warum???

Kurz denke ich an Asterix und Obelix in Britannien, aber das wird es doch wohl nicht sein? Dann erfahre ich Unglaubliches. Seit rund 400 Jahren (vierhundert) sind die Wildschweine auf der Insel ausgerottet. Es gibt kleine Zuchtherden, aber kein einziges wild lebendes Exemplar. 

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Hat der gallische Besuch noch Nachwirkungen? Woher kommt die Wildschwein-Phobie?

Vor ca. 10 Jahren sind erste Wildschweine aufgetaucht; vielleicht stammten sie von den Züchtern. Sie haben sich vermehrt und über die Wäldern verteilt. Man schätzt die Population inzwischen auf ca. 1.000 Tiere. Ich gucke wahrscheinlich immer noch völlig amüsiert, denn man wird immer ärgerlicher mit mir. Ohne konkrete Zahlen parat zu haben, kann ich über 1.000 Exemplare nur lächeln. Inzwischen weiß ich, das alleine in Hessen 150-180.000 Wildschweine leben und kein Hesse macht sich darüber ernsthafte Sorgen. [Jährlicher Abschuß in DE ca. 750.000 Tiere.]

Das beruhigt aber niemanden in dieser hoch emotionalen Diskussion. Man ist so besorgt über die “Bedrohung”, dass man sich deutsche Schützenhilfe geholt hat. Wie schön, denke ich, man traut den Deutschen Schweine-Kompetenz zu. Um mich nicht ganz unbeliebt zu machen, überlege ich was ich den Engländern nettes über Wildschweine erzählen kann. Und natürlich fällt mir das leckere Fleisch ein. Man schaut mich ungläubig an. Ich fahre fort: “It’s got a lovely, earthy gamey taste, and it makes terrific sausages.” Ein Lächeln macht sich breit! “Terrific sausages?” Ja, richtig fett und dunkel. 

Das gefällt. Ein Toast auf die wild boares. Laden wir die deutschen Jäger ein und dann entzünden wir ein Barbecue-Feuer wie es den Galliern gefallen würde. George bestellt die nächste Runde, drückt mir den Autoschlüssel in die Hand und strahlt mich an. “Britishness runs in your blood!” Wow, ich wurde gerade in den Adelsstand erhoben.

1 Kommentar

  1. Hallo Bridget,
    ich bin zufällig auf Deinen Blog gestoßen, als ich mich auf der Website der Britischen Botschaft für das Treffen mit der Queen bewerben wollte (habe ich auf Grund der vielen und vor allem mehr erfolgversprechenden Bewerbungen der anderen gleich Abstand genommen).
    Bist Du von Beruf Journalistin? Der Blog ist so unterhaltsam, kurzweilig und lustig geschrieben, dass ich gar nicht mit dem Lesen aufhören konnte und gleich alles bis zum Ende verschlungen habe! Meine Kinder leben in England und daher kommt mein Interesse für alles, was mit dem Königreich zu tun hat (schon bald krankhaft, meinen meine Kinder). Ich möchte Dich hiermit ermutigen – schreibe bitte, bitte weiter – mit mir hast Du einen begeisterten Leser mehr!!! Alles Liebe und Gute Eike

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