… denke ich mir und schlüpfe in den dunkelblauen Blazer. George trägt wie immer Anzug, Hemd und gut gewählte Krawatte. Er braucht kein dress-code-upgrade. Los geht’s, auf nach Kensington. Wir wollen einkaufen; “wühlen” im weltbekannten Warenhaus Harrods. Die übrigens auch von Zeit zu Zeit einen Schlußverkauf durchführen. SALES.

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Harrods in Kensington, Brompton Street. Prachtvolle Fassade. Aber auch die ist auf den 2. Blick etwas kitschig.

Von der U-Bahnstation Knightsbridge führt ein Fußgängertunnel direkt hin. Das hat/hatte? Karstadt Mönckebergstraße auch. Das Bild aus frühester Kindheit ist auf einmal deutlich vor meinen Augen. Am Würstchenstand machte meine Mutter Halt, wir bekamen einen Milchshake mit Erdbeere. Ein unvorstellbarer Luxus. Immerhin die Erinnerung hat sich über 50 Jahre gehalten. Dann war der Preis eigentlich doch angemessen.

Zurück zu Harrods. Nicht jeder wird eingelassen. Rucksack- und Shortsträger oder allzu sportliche Gruppen werden abgewiesen. Man muß nicht elegant gekleidet sein, aber ein kultiviertes Outfit ist angemessen. Wir werden freudig eingelassen. Wir entsprechen bilderbuchmäßig der gewünschten Zielgruppe. Alter und Kleidung passt.

Wer in Jeans oder DDR-Windjacke kommt wird auch nicht rausgeschmissen; aber es macht irgendwie nicht so viel Spaß. Wenn schon, denn schon. 

Also gleich mal ganz unter uns gesagt, Harrods entspricht absolut nicht meinem Geschmack. Es ist okay, dass man Mode für die ältere Generation macht, aber warum so bieder und trutschig? Um Klassen besser und ähnlich stilvoll kann man bei der Konkurrenz Selfridges kaufen. Das ist in Fußnähe erreichbar. Es ist in der Oxford Street zu finden, wo es viele Shops mit junger Mode gibt. Oder gleich weiter in die Carnaby Street (hier wird es manchmal schon ramschig, aber herrlich nostalgisch). Jetzt habe ich mich schon wieder gedanklich verlaufen. Zurück zu Harrods.

Der Gipfel der Geschmacklosigkeit wird bei Harrods im Souterrain präsentiert. Dort ist ein Gedenkschrein für Diana und Dodi errichtet worden, der einem wider Willen die Tränen in die Augen treibt. Wir bleiben aber im Erdgeschoss und steuern die Food Halls an. Eine Lebensmittelabteilung mit dem Prädikat “weltklasse”. Gilt übrigens auch für die Preise.

Es gibt zwei Gründe hier einzukaufen: Sehen und gesehen werden. Wenn man Glück hat trifft man Sean Connery *) an der Käsetheke oder Prinz Harry beim Champagner. Es gibt wohl auch Menschen, die hier ihre Grundlebensmittel einkaufen, aber wir gehören nicht dazu. Wir schlendern durch die Gänge, bleiben hier und da stehen, betasten, schnuppern und visualisieren. Hier holt man sich den Appetit.

*) der 84-jährige soll inzwischen schwer erkrankt sein. Alles Gute Sean!

George hat allerdings ein konkretes Anliegen; er will einen besonderen Wein nachkaufen. Deshalb geht er bald seine eigenen Wege und beschäftigt sich ausgiebig mit Champagner und Wein. Übrigens werden deutsche Weine in England nur selten angeboten. Die Nachfrage ist gering, denn man kennt nur die zuckersüßen Billigprodukte früherer Jahrzehnte und denkt, die deutschen Winzer könnten es nicht besser.

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Crabs and lobster werden fangfrisch bei Harrods angeboten.

Ich schiele links und rechts ganz unauffällig nach Promis, leider ohne Erfolg. Alle machen es so, aber natürlich lässt man sich nichts anmerken. Sollte wirklich ein Star auftauchen, bleibt man ganz cool. Bitte nicht um ein Autogramm bitten. Womöglich auf die Rückseite des Einkaufszettels. Geht gar nicht.

George ist fündig geworden. Er hält dezent die Flasche in die Höhe, um mir zu signalisieren “ich hab’ sie”. Dazu ein fragendes Gesicht: “wieviele?” Ich denke er sollte zwei Flaschen mitnehmen und zeige es ihm per Geste an. Mit gestreckten Zeige- und Ringfinger deute ich in seine Richtung. Hat er es gesehen? Lieber noch einmal zeigen. Aber er reagiert kaum. Dafür habe ich das blöde Gefühl, dass immer mehr Augenpaare verstohlen auf mich und dann in Richtung George gucken.

Mir wird das Gucken und Tuscheln fast unheimlich und deshalb gehe ich mal lieber zu ihm rüber. Er schweigt, lächelt etwas verlegen und zieht mich Richtung Kasse. Auch dort scheint sich jemand nach uns umzudrehen.

George zahlt und schweigt. Das hat nichts zu bedeuten. Obwohl die Engländer gerne reden, oft ziemlich schnell, gibt es immer wieder Pausen. Da werden wohl die Wortspeicher neu sortiert. Ich bin es längst gewohnt und warte ab.

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Bar Boulud im Hotel Mandarin Oriental, 66 Knightsbridge, London. Die Atmosphäre ist “informal but eventful”.

Ein paar Schritte weiter hat die Bar Boulud geöffnet. Hier lassen wir uns erst mal nieder. Ein kleiner, aber leckerer Lachs-Lunch, danach Kaffee, tun gut. George lächelt mich kopfschüttelnd an. “You drive me crazy. How do you make it?” “Habe ich was Falsches gesagt?” “No not said, it’s the gesture you’ve made“.

Er spricht natürlich von meiner Handgeste, bitte zwei Flaschen mitzunehmen. Was war daran falsch? Ist es unhöflich Gesten zu machen? Ist es womöglich obzön??? “That’s exactly the point.” – George muß es mir dreimal erklären, weil ich es nicht begreife. Die gemeinsam hochgestreckten Zeige- und Ringfinger entsprechen genau dem ausgestreckten (deutschen) Ringfinger! Ganz besonders, wenn man den Handrücken zum Betrachter dreht. Genauso habe ich es bei Harrods gemacht. Schön in die Höhe gehalten, damit es auch jeder sehen kann. 

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Geht gar nicht. Der “two finger salute” ist eine öbzöne Geste.

An der Kasse wollten natürlich alle nochmal den bedauernswerten Mann sehen, der von seiner Frau so demütigend behandelt wird. So war das also. Ob es hilft, wenn ich mir ein Schild umhänge: “Hope you will appreciate I’m from Germany”.

Übrigens das Victory-Zeichen von Winston Churchill ist natürlich ganz anderer Natur. Er hielt den Handrücken (bis auf eine Ausnahme) immer zu sich. Riesen Unterschied. Und da sagen die Engländer immer wir wären so genau.

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Victory Salute. So herum ist es ok.

Ich biete George schon hier in der Bar fünf “sorries” an, die natürlich für diese Tat nicht reichen. Abends mache ich mit viel Liebe eine besonders raffinierte Käseplatte, die wir dann mit dem Wein verputzen. Danach ist die Welt wieder im Lot.

Auf zum nächsten Fettnäpfchen. Und George verbuche ich 10 Bonuspunkte auf meiner virtuellen ich-verzeih-dir-alles-Liste