Die Bodenständigkeit des Engländers und seine liebenswerte Bescheidenheit fallen mir immer wieder auf und stärken meine Zuneigung für ihn. Was würde wohl ein Engländer tun, wenn er plötzlich eine große Summe Geld bekommt?

Diese Frage müssen sich gerade alle britischen Arbeitnehmer beantworten, die älter als 55 Jahre sind und eine private Rentenversicherung haben. Sie erhalten in dieser Woche die Möglichkeit, sich ihren Rentenanspruch auf einen Schlag auszahlen zu lassen. Bisher war das nur gegen hohe Strafzahlungen möglich.

Man erhofft sich, sie werden das Geld re-investieren und damit die britische Wirtschaft ankurbeln. Ein gewagtes Experiment, dass da vom Schatzkanzler George Osborne in die Tat umgesetzt wurde. Gerade noch rechtzeitig vor den Wahlen im Mai wurde der Beschluß rechtskräftig und soll natürlich die Rentner bei ihrer Wahl beeinflussen. Sie sind die stimmkräftigste Gruppe.

Britain’s Chancellor of the Exchequer George Osborne – der britische Finanzminister

Gleichzeitig wurde die Erhöhung des Rentenalters auf 70 Jahre angekündigt. Im Gegensatz zu Deutschland, gibt es darüber keine Diskussion.

Das englische Rentensystem ist genau wie das deutsche aufgebaut. Es besteht aus den drei Säulen gesetzliche Rente, betriebliche und private Altersvorsorge. Weil aber der Engländer extrem verschuldet ist, -man investiert alles Einkommen in den Kauf eines Hauses-, bleibt nur wenig für private Vorsorge übrig. Und deshalb gibt es in England eine ausgeprägte Altersarmut. Ich wollte die Meldungen nicht glauben, dass in London jeden Winter Menschen erfrieren, -viele davon sind Rentner-, weil sie ihre Stromkosten für den Heizofen nicht mehr bezahlen können. Im kalten Winter 2012/13 sind ca. 30.000 Menschen in Großbritannien erfroren! Kein Wunder, dass George ständig nachfragte, ob ich auch nicht frieren würde. Ich hatte es damals für einen Witz gehalten.

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Ein Bentley für £ 150.000 . Trotzdem in GB kein Statussymbol. Autos sind nur zum Fahren da.

Was also machen die 55+ Engländer mit dem unverhofften Geldsegen? Einige sollen sich einen Bentley gekauft haben. Sicher keinen neuen, denn dafür wird es nicht gereicht haben. Durchschnittlich haben die Versicherten £ 20-30.000 zu erwarten, das sind ca. 30-40.000 €. Auch der Erwerb eines Speedboats war wohl nicht das was Schatzkanzler Osborne im Sinn hatte.

Andere wollten spontan ein Haus in Südfrankreich kaufen. Das wiederum wunderte mich, denn das mediterrane Feriendomizil ist seit Jahrzehnten der Traum des Engländers und ich dachte er wäre damit längst durch. George hatte tatsächlich mal so ein Haus und bediente damit perfekt das Klischee des “reichen Arztes”. Beides eine Seifenblase, sowohl das “Traum-Ferienhaus” als auch der vermeintliche Reichtum. Zum Glück ist es längst verkauft, denn mich kriegen keine zehn Pferde nach Frankreich. [Das kennt übrigens auch der Engländer: not even ten horses …] Wenn wir unbedingt am Mittelmeer Urlaub machen müssen, dann kommt für mich nur Italien infrage. Das lehnt George strikt ab, ohne Gründe zu nennen. Ich konnte gegen Frankreich zwei Dutzend nennen, aber die will ich hier mal lieber nicht wiederholen. Also wird das wohl nix.

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Ist sie noch da??? Rule, Britannia!

Vielleicht fürchtet George als Anglikaner die späte Rache des Papstes? Oder Italien ist ihm zu weit weg? Denn dass der Engländer geschlossen “als ein Volk” den zweiwöchigen Sommerurlaub in Südfrankreich verbringt, ist nur durch seine tiefsitzende Abneigung begründbar, die heimatliche Insel zu verlassen. Er glaubt bei guter Sicht die Kreidefelsen in Dover sehen zu können und sich so immer davon überzeugen zu können, dass Britannien noch nicht in den Atlantik abgedriftet ist.

Was allerdings George, der ewige Junggeselle, in den 80-er Jahren in einem gottverlassenen Dorf in der Gascogne zu erleben erhoffte, soll sein Geheimnis bleiben. Bescheiden und bodenständig. Ich muß mir um uns keine großen Sorgen machen, wenn wir zeitweise auf ca. 700 km Distanz gehen. 

Zurück zur Politik. Bisher wurden die privaten Altersrenten jährlich ausgezahlt. Man erhielt aus dem pension pot seine annuity. Auch wer lange angespart hatte, kam selten über einen Betrag von ca. £ 1.000 (1.500 €) pro Jahr. Davon kann keiner leben. Allerdings wurden die annuities lebenslang gezahlt. Jetzt also kann man sich das Geld mit einem Schlag ausbezahlen lassen. Und das nutzen viele Engländer. Ich frage mich, ob das von den Politikern nicht kurzsichtig ist. Was ist wenn das Geld für Konsumgüter ausgegeben ist. Dann fehlt es auf jeden Fall im Alter. 

Viele machen aber das, was man sich erhoffte. Sie kaufen ein Haus. Für sich selbst, für die Tochter, für den Sohn. Über 70% der Engländer wohnt im eigenen Haus/Wohnung und das erklärt das Faible für’s Häuserkaufen. In Deutschland sind es weniger als 40%, die Mehrheit wohnt zur Miete.

Die Tatsache sich bis zur Rente über beide Ohren zu verschulden, -man kauft das erste Haus in jungen Jahren-, und damit auch in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu leben, nimmt der Engländer gelassen hin. Denn die Alternative, zur Miete zu wohnen, macht ihm eine Heidenangst. Das wundert mich nicht, wenn man die bösartigen Methoden der englischen Vermieter kennt. [Es gibt bestimmt auch nette, nur wo sind die?] Mieter sind völlig schutzlos dem “Landlord” ausgeliefert. Ein falsches Wort und man wird fristlos auf die Strasse gesetzt.

Erst dieses Wissen erklärte mir, warum sich George ein Haus in Hamburg leistet. Ich fände eine kleine Mietwohnung viel praktischer, stoße damit aber (noch) auf heftigen Widerstand. Da ich aber selbst zur Miete wohne, bei einem verantwortungsvollen Vermieter, der auch regelmäßig aufwendig renoviert und instand setzt, kann ich George vielleicht doch noch überzeugen.

Bisher allerdings traute er den “himmlischen” Mieterverhältnissen nicht über den Weg. Immerhin beruhigte es ihn sich davon überzeugen zu können, daß ich Strom, Wasser und eine gut funktionierende Heizung habe. Das ist in englischen Mietwohnungen nicht immer eine Selbstverständlichkeit!

Inzwischen hat sich George eingerichtet. Ich konnte ihn überraschen mit meinen Schrauberkünsten. Ich liebe es Möbel zusammenzubauen und kann in Sachen Schnelligkeit mit jedem Profi gleichziehen. Und das meistens fehlerfrei. Weil aber das Wetter herrlich ist, lassen wir uns mit dem DIY Zeit und nutzen lieber den Garten. [Das Kürzel DIY sieht und hört (!) man überall in England; ich brauchte Wochen um dahinter zu kommen, dass es einfach für Do-it-yourself steht. Volkssport in England, der zweimal im Jahr seinen Höhepunkt findet: 2. Weihnachtstag und Ostermontag. An den Tagen sind die Baumärkte geöffnet!] 

Und als wir da so im Sonnenschein mitten in der Woche im Garten sitzen, den Vögeln lauschen, Pläne machen, die Wärme spüren und alle Zeit der Welt haben, da sind wir uns schnell einig, dass wir eigentlich ziemlich reich sind. Und darauf stoßen wir an.

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