Engländer lieben Verkehrkreisel, die ich übrigens auch in Hamburg immer öfter entdecke. Verkehrsplaner sagen, der Kreisverkehr ist für Autofahrer viel schneller passierbar als eine Ampel. Das ist wohl wahr, jedenfalls wenn die auf rot steht. Bei mir, im beschaulichen Hamburger Vorort, bleiben ältere Damen und Herren aber auch gerne mal vor dem Kreis minutenlang mit ihrem Auto stehen und warten auf irgendwas. Wahrscheinlich auf ein grünes Licht. Dann setzen sie den Blinker und geben Gas. Dreimal die volle Runde, das reicht ihnen zur Orientierung und schon biegen sie an der gewünschten Ausfahrt ab. Dabei setzten sie dann allerdings nicht noch einmal den Blinker. Das wäre dann doch zuviel des Guten. Aber zurück zu den englischen Riesen-Kreisel. Sie sind um Klassen größer, als alles was ich je in Norddeutschland gesehen habe. Die englischen Verkehrszirkel sind wirklich riesig und oft mehrspurig angelegt, echte Magic Roundabouts.

 

Der Kreisel hat eine englische Erfolgsgeschichte aufzuweisen. Rechts ein Kreisel mitten in London an der Old Street.

 

Eigentlich wäre also die Freigabe des neu erbauten Kreisverkehrs in Derbyshire (Nordengland) keine Erwähnung wert, wenn nicht innerhalb der ersten 48 Stunden gleich ein Dutzend Autos aus der Kurve geflogen wären. Wie konnte das bloß passieren? Der Roundabout wurde von der Gemeinde Mickleover, -auf solche Namen kommen auch nur Engländer-, an der Grenze zu Littleover gebaut. Durch die beiden beschaulichen Ortschaften führt die A516, eine Schnellstraße mit der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 70 mph. Das entspricht 112 km/h, das absolute Limit auf der Insel, auch auf den Autobahnen. Psssscht: Ich hoffe mal kein Brite liest diesen Blog, deshalb sage ich es frank und frei heraus, das sportliche Autofahren haben sie nicht erfunden. Man zuckelt gerne gemütlich durch die Landschaft und stört sich nicht daran, wenn man in Londons Innenstadt durchschnittlich auf max. 18 Stundenkilometer kommt. Andererseits träumt man vom Gasgeben, phantasiert sich einen Bleifuß und wie der sich wohl anfühlen mag. Hätte man drei Wünsche frei, dann wäre die Raserei mit einem schnellen Auto ganz sicher dabei. Eines der wenigen Dinge um die mich die Engländer beneiden. Die wissen natürlich gar nicht, dass ich die moderate Zuckelei bevorzuge, aber alleine die Möglichkeit es machen zu können, scheint ihnen begehrenswert. Der Adrenalinkick im Tuningcockpit muß aber schon deshalb ein Traum bleiben, weil Engländer eher motorschwache Wagen kaufen. Wenn George mich in Hamburg besucht und ich den Pferden auf der A1 freien Lauf lasse, nur um seinen Herzenswunsch zu befriedigen, dann wird er schneller nervös als meine Automatik den siebten Gang finden kann. It’s not his cup of tea. Also dann doch lieber runter bremsen, auf rechte Spur wechseln  und zwischen zwei LKWs nach Travemünde zuckeln. Schon entspannt der Held an meiner Seite.

 

Die Webseite des Ortes zeigt alle Highlights: Ein Tesco Shop, eine Schule, freies WiFi (!) und ein Krankenhaus, wo Außerirdische (?) operieren. Genial wurde der Busverkehr konzipiert. Eine Linie fährt rechts-, die andere linksherum. Oder ist das jetzt einfach Hin- und Rückfahrt?

 

Was aber haben die Mickleovers bloß falsch gemacht? Da sind sage und schreibe 10 Autos in 2 Tagen, vermutlich Nächten, von der Fahrbahn abgeflogen. Statt dem Kreisverkehr zu folgen, sind sie schnurgerade mitten über die Insel gebrettert. Einige haben es geschafft und konnte am anderen Ende die Fahrt fortsetzten, andere sind gestrandet. Ein Betroffener, der stecken blieb, gab der lokalen Zeitung ein Interview: “It was around 4am and I was taking my cousin to Manchester airport for her flight home to Canada. I am not familiar with the area but there was no lighting and no signage and I just drove straight into the roundabout and bumbled over it until we came to a stop. There need to be rumble strips warning you it is there, the lighting needs to be better and so does the signage.”

 

Der schnellste Weg ist meistens der, der geradaus führt.

 

Die Straße war bisher ironischerweise eine der hellsten des Landkreises. Nach dem Umbau der Kreuzung hatte man wohl vergessen, die Straßenlaternen wieder anzuschließen. Oder, was ich für ziemlich wahrscheinlich halte, hatte niemand an das Erdkabel gedacht, das man für den Strom braucht. Jedenfalls ist es jetzt ein ziemlich finsterer Ort. Weit und breit keine Lampe. Das heißt die Leute fahren nachts, ohne Sicht, mit 100+ Stundenkilometer auf den Kreisel zu und werden durch kein Schild vorgewarnt. Nur auf der Verkehrsinsel selbst, hat man einen Richtungshinweis aufgestellt, dessen Pfeile dann in letzter Sekunde im eigenen Scheinwerferlicht auftauchen. Leider wurden diese Schilder aber schon kurz nach Freigabe der Strecke von verdatterten Fahrern abgemäht, die sich spontan für die Variante ‘head down and carry on’ entschieden hatten. George feixt: “It was one of the most well-lit stretches of road in the city – now it’s like the Black Hole of Calcutta” und ich überlege, ob er auf eine konkrete Erfahrung anspielt. 

 

 

Zum Glück hat sich niemand verletzt; es blieb bei Blechschäden und das kann dem Engländer die gute Laune nicht verderben. Im Gegenteil, wenn eine lustige Geschichte dabei herauskommt, dann ist ihm die Sache ein paar Beulen wert. Und genau dafür liebe ich die Engländer. Immer ein bißchen wie die Schildbürger, aber sehr unterhaltsam. Sie setzen ihre Prioriäten ganz anders als wir, -was jeder machen darf und jenseits jeder Bewertung stehen sollte-, aber ich kann feststellen, dass mir ihre Lebensart und -weise immer wieder ausgesprochen gut tut. 

 

Full strike – mit Licht wäre es nicht passiert. Where have the street lights gone? No idea.

 

Das war für die Fahrer bestimmt ein Alptraum, aber ich muß gestehen, dass ich beim Lesen geschmunzelt habe. Nicht aus Schadenfreude, nein, ganz und gar nicht, aber wie man mit solchen ‘Dramen’ im englischen Alltag umgeht, das gefällt mir sehr. Gespannt blätterte ich die Zeitungsseite um und sah zu meiner Überraschung ein Bild von meiner/unserer Kanzlerin. Na sowas, dachte ich mir. Über deutsche Politik wird in England nicht viel gesprochen. Warum auch, wenn man schon die eigene nicht ernst nimmt. Sobald aber ein Politiker Anlass zur Erheiterung gibt, wird ihm Platz zugestanden. Ich habe gegrinst, George auch, aber das prominente Kanzler-Ehepaar hatte wohl nicht so richtig viel Freude im wohlverdienten Wanderurlaub, oder?

 

Glück sieht anders aus. Hoffentlich sind wenigstens die anderen Urlaubstage entspannter verlaufen. Die Engländer lachen und glauben wir Deutschen würden alle so miesmutig durch den Tag schweben.