Pünktlich zur lunch time schalte ich den Fernseher ein. Ich habe mir ein chicken sandwich gemacht und das kann man auch im Liegen essen. Normalerweise läuft der Fernseher nicht zu dieser Zeit, aber heute ist Mittwoch und da wird PMQ live übertragen. Es ist die Prime Minister’s Questions, -eigentlich Questions to the Prime Minister-, die beste Unterhaltung direkt aus dem Parlament in Westminster verspricht. Boris Johnson kommt zwei Minuten zu spät und fängt sich erst einmal einen Rüffel ein. George hingegen ist pünktlich. Punkt 12 Uhr schließt er die Haustür auf. Er war schon ganz früh unterwegs und hat vermutlich seinen Arbeitstag längst erledigt, aber das ist egal, denn er kennt keine festen Arbeitszeiten. Er arbeitet als forensic pathologist und da gibt es keine üblichen Arbeitszeiten. Als er mein Sandwich sieht, setzt er sich mit aufs Sofa und greift ungefragt zu. “Schmeckt’s?”, frage ich ihn und er antwortet noch immer kauend: “Pretty good, if you go to the kitchen you can make me another one”. 

 

Mittwochs im Parlament: Der Premierminister stellt sich den Fragen. Aufnahme vom 9. Sep. 2020.

 

Während wir uns die Reste vom Huhn, Schinken und Thunfischsalat teilen, beginnt im Parlament die Befragung. Damen und Herren aus allen Parteien dürfen dem Premier Fragen zur aktuellen Politik stellen. Das ist natürlich noch immer Corona, aber auch ein paar lokale Ereignisse. Dem Oppositionsführer werden fünf Fragen zugestanden und seit Sir Keir Starmer das Amt innehat, ist es eine Freude ihm zuzuhören. Der Mann weiß nämlich wie man das macht und vor allem wie man nachfragt. Er war früher Staatsanwalt und hat beim Crown Prosecution Service gelernt, wie man verbal auch dicke Bretter erfolgreich bohrt. Für Boris Johnson sind harte Zeiten angebrochen, jeden Mittwoch wird er fachgerecht vom Labour Leader gegrillt. Die Fragestunde ist besser als jede Sitcom und deshalb bin ich längst ein Stammhörer der PMQ geworden.

Der Aufruf britische Produkte zu kaufen, wurde auch von Retailern wie Aldi und Lidl unterschrieben. Sie sind inzwischen Marktführer in UK.

Auch an diesem Mittwoch zieht Boris Johnson klar den Kürzeren. Sir Keir hat sich wie immer gut vorbereitet und stellt alle fünf Fragen zum selben Thema: Warum funktioniert das Covid-19 Testen nicht? Johnson weicht aus, windet sich um die Antwort herum, lenkt ab und wird merklich lauter und nervöser. Statt Fehler einzugestehen, versucht er auf einer gigantischen Wort-Welle davon zu surfen und wenn er glaubt alle mitgerissen zu haben geht das Wort wieder an Keir Starmer, der dann ganz ruhig und ganz konzentriert genau dort anknüpft wo die vorige Frage aufhörte. Der Schlagabtausch zwischen den beiden politischen Gegnern dauert etwa dreißig Minuten. Dann dürfen andere ihre Fragen stellen, die deutlich harmloser ausfallen. Man kann fast die Erleichterung spüren, die den Premier erfasst. Die rote Gesichtfärbung verblasst, die steil aufgetürmten Haarspitzen senken sich langsam wieder auf den Kopf und der Mann kommt merklich zur Ruhe. Trotzdem ist er in der verbalen Schlacht mal wieder untergegangen und jeder hat es mitbekommen. Da hilft kein Johlen und kein Lamentieren, der Premier zeigt Schwächen, sobald es um konkrete Inhalte geht.

George ist inzwischen eingenickt. Zum Glück hat er das tuna sandwich verdrückt, bevor die Hand aufs Polster sank. Ich merke es erst als ich keine Antwort bekomme. Ich will wissen, warum die Politiker mal wieder mit Schmuck am Anzug Revers ausgestattet sind. Inzwischen kenne ich ja die Gewohnheiten, da wird bei jeder Gelegenheit eine rote Blume angesteckt, sobald es um einen Heldengedenktag geht. Das sieht man hauptsächlich im Herbst, wenn der Remembrance Day gefeiert wird. Im Frühjahr poppt man sich etwas Grünes an die Kleidung (St Patrick’s Day, Irischer Nationalfeiertag) oder etwas Gelbes für die Waliser, die eine besondere Vorliebe für Narzissen haben. Die Schotten identifizieren sich mit der Distel, aber ich habe noch niemanden damit herumlaufen gesehen. Heute im Parlament nun ein neues Gewächs: Eine stattliche Weizenähre, gleich in doppelter Ausführung. Der Premierminister hat sich sogar drei davon an die Brust geheftet, schließlich hat er eine Vorbildfunktion. Aber woran will man erinnern? Vermutlich an das Erntedankfest, was ich George nicht fragen kann, weil mir das englische Wort nicht einfällt. (Thanksgiving! Ganz einfach.)

Immerhin habe ich ihn mit meiner Fragerei wach gemacht und er kann noch gerade einen Blick auf die merkwürdig geschmückten Parlamentarier werfen, um den Weizen-Schmuck zu sehen. Nach kurzem Nachdenken fällt es ihm ein: “NFU”. Damit dreht er sich wieder auf die Seiten. “Was? NFU?? National Football Union?” “You’re close, it’s the National Farmers’ Union. The voice of British Farming”.

Irgendwie tut George mir jetzt leid, er soll ruhig ein kleines Schläfchen halten, ich weiß genug, um in Google zu recherchieren. Da lerne ich dann, dass jedes Jahr im September ein ‘Back British Farming Day’ geboten wird. Man erinnert an die Not der Bauern, um bittet um den Kauf heimischer Produkte. Das richtet sich besonders an die Politiker und die schmückt sich dann mit einem ‘Wheat Ear’ an der Brust. Das ist auch billiger als Subventionen. Apropos, die könnten demnächst fehlen, denn der Brexit geht in diesen Tagen über die Ziellinie. Ob da noch eine Einigung zustande kommt, ist höchst fraglich. Sollten es schiefgehen, dann sehe ich schwarz, und zwar nicht nur für die britischen Bauern. Das Pfund ist schon am wackeln, steht bei 1,10 Euro. Aber egal, nächste Woche gibt es eine neue PMQ und vielleicht gehen dann sogar Boris Johnson die flapsigen Antworten aus. Wir werden sehen. 

 

 

NFU? Wheat ear?? What the hell do you mean???

PS: George ist wieder wach. Er schaut mir über die Schulter und erkennt das Symbol der NFU. Eine Weizenähre mit Wolle umwickelt. Alles beste Naturprodukte, alles aus der Nachbarschaft. Wir waren zwar sehr britisch mit unserem sandwich lunch, aber der Thunfisch war wohl ein Ausländer und die Hühnchen vermutlich auch. Müssen wir uns jetzt schämen? Wenn das bloß nicht die Protestler erfahren, die überall lauern und stets höchste moralische Ansprüche erheben. Dann sind wir geliefert. Aber George weiß natürlich einen Ausweg. Es ist immerhin schon nachmittags und da könnten wir alles auf einen Schlag gutmachen. A cup of English tea, Cornish scones and Scottish brandy sollten als Anfang genügen. Und abends, wenn es das richtige Mittagessen gibt, können wir nachlegen. Dann greifen wir den British farmers unter die Arme. George schlägt ‘Toad in the Hole’ vor, also eine ‘Kröte im Loch’. Hört sich schaurig an, schmeckt aber gut. Das Nationalgericht hat vieles, was die englische Küche zu bieten hat: Einen gigantischen Yorkshire pudding with creamy mashed potato, caramelised onion gravy (hmmm) and greens and carrots. Im Inneren sind pork sausages versteckt, die als Kröte dienen. Sehr lecker, unbedingt ausprobieren, wenn Sie mal in London sind.

Ach ja, da ist noch ein kleiner Fehler im Beitrag, der korrigiert werden muss. Ein ‘wheat ear’ klingt nett, hat aber wohl wenig Bedeutung. Es gibt irgendeinen Vogel, der den Namen ‘wheatear’ tragen soll, aber das führt hier nicht weiter. Die Anstecker könnte man ‘wheatshear’ nennen. Ich fürchte, das war das Wort, dass dann bei mir in der falschen Schublade landete. So richtig weiß George es aber auch nicht. Er denkt nach, blickt stur geradeaus und bleibt stumm. Dann verdrückt er sich in den Garten, als wäre nichts gewesenen. Schließlich doch noch eine Antwort, die er triumphierend präsentiert: “Keep it simple, say wheat pin”. Perfekt, so mache ich es.

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