Der Titel lässt mich schmunzeln. Stellt sich jemand, der sein Privatleben in einen öffentlichen Blog stellt, wirklich diese Frage? JA / YES!!!


Monatelang wachte ich gegen vier Uhr nachts auf. Putzmunter. Jetzt hole ich den verlorenen Schlaf nach. Ohne Wecker geht es nicht und ich kann nicht gerade sagen, dass ich mich ausgeschlafen fühle, wenn er mich um acht Uhr mit den morning news aus dem Tiefschlaf holt.

Wenn ich dann noch ein “push on and show your body who’s the boss” als Guten-Morgen-Gruß bekommen, dann denke ich kurz, alleine leben ist auch ganz schön.

Andererseits hat George recht und ich muß ihm eigentlich dankbar sein, denn seiner Motivation habe ich es zu verdanken, dass ich an meinem Lauftraining eisern festhalte. Zwei Wochen sind schon absolviert, ich habe keine Einheit geschwänzt und vor allem macht es mir immer noch Spaß! Vom Ziel, eine halbe Stunde am Stück laufen zu können, bin ich noch weit entfernt, aber sein Plan soll mich hinführen. Ich werde weiter berichten.

london-zoo-penguin
Wenn ich in London laufe, dann fast immer durch den Regent’s Park, einmal rund um den London Zoo. Dort wurde ein Pinguin geboren, der verwaist ist. Man hat ihm ein bißchen Spielzeug zum Schmusen gegeben.

An unserem Haus in Hampstead ist ein Nummerschild. Und an der Türklingel steht sogar der Nachname von George. Was daran erwähnenswert ist? Alles. Es ist sehr ungewöhnlich. Der Engländer liebt die Diskretion. Deshalb lehnt er den Personalausweis ab, weiß sich aber gegenüber seiner Bank nicht zu legitimieren. Es gibt kein Einwohnerregister (Meldeamt), weil es ein unakzeptabler Eingriff in den persönlichen Datenschutz wäre, aber man stört sich nicht an Videokameras, die einen auf Schritt und Tritt aufzeichnen.

CCTV-LONDON
CCTV (closed circuit television) sind überall in London montiert. Totale Kontrolle, staatlich kontrolliert.

In London, egal ob Zentrum oder Vororte, gibt es flächendeckend Kameras. Sie registrieren alles. Ob man nun in den Pub oder in den Supermarkt geht, die Polizei bekommt es mit. Die Kameras liefern Bilder von hoher Qualität, eine Gesichtserkennung ist problemlos möglich. Der Autoverkehr wird ebenfalls überwacht. Jedes Nummernschild wird registriert und automatisch ausgelesen. Die Mautpflicht in der City wird auf diese Weise perfekt kontrolliert. Fährt ein nicht zugelassenes Auto in das Gebiet, wird es registriert und die Rechnung kommt einige Tage später per Post.

Die totale Überwachung rund um die Uhr. Aber es gibt gute Gründe. Nur wenige europäische Länder haben so oft bittere Erfahrungen mit terroristischen Anschlägen machen müssen wie die Engländer. Von den siebziger- bis in die neunziger Jahre legte die IRA unzählige Bomben. Im Jahre 2005 detonierten gleich vier Bomben an einem Tag in London. Es starben 52 Menschen und über 700 wurden verletzt. Danach wurde in Sachen Überwachung aufgerüstet. London filmt seine Bürger.

Auf der anderen Seite ist es für mich unfaßbar, welche Probleme die Polizei hat, wenn sie einen Toten findet. Wenn der Verdacht auf eine unnatürliche Ursache besteht, dann landet der Tote bei George oder seinen Kollegen. Und die müssen u.a. die Identifikation vornehmen. Sie untersuchen also die Taschen des Toten in der Hoffnung einen Hinweis auf dessen Identität zu finden. Eine driver licens wäre ein Volltreffer, aber oft ist es nur ein Brief, der einen Hinweis auf die Person geben kann. Dann schickt man Polizisten los, sie bekommen ein Foto vom Toten in die Hand gedrückt und fragen dann in der vermuteten Nachbarschaft herum, ob jemand die Person kennt. Eine Methode, die mit dem digitalen Zeitalter wenig zu tun hat und tatsächlich kann es Tage oder sogar Wochen dauern bis man Erfolg hat.

Nicht selten geben registrierte Fingerabdrücke, der genetische Code oder der Zahnstatus früher Auskunft als die Recherchen der Polizei. Eine merkwürdige Heimlichtuerei, die ich (bisher) nicht so ganz nachvollziehen kann.

Manchmal besuchen wir Leute in und um London, die in Strassen ohne Schild und in Häusern ohne Nummer und ohne Namensschild leben. Oft fehlt sogar die Klingel, stattdessen gibt es irgendwelche Klopfer oder Drähte, die man kräftig stramm ziehen muß. Wenn man es weiß, ist es einfach. Anfangs aber stand ich oft wie der Vollidiot da.

cottage
Es ist sehr beliebt dem Haus einen Namen zu geben. Der hat aber nichts mit der offiziellen Adresse zu tun. Weder Stadtplan noch Navi können damit etwas anfangen. Trotzdem wird man ins “Ivy Cottage, Barnet (London)” eingeladen.

Und so wundert es vielleicht auch gar nicht, wenn man immer wieder Briefe findet, die ziemlich phantasievoll adressiert wurden. Bemerkenswert ist, dass sie meistens ankommen. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute Postboten werden niemals versetzt. Sie müssen sich in ihren Bezirken blind auskennen. Ob der Job nur innerhalb einer Familie vererbt wird? Ich werde recherchieren.

Vor einigen Wochen wurde Mrs Henderson ein solcher, individuell adressierter Brief zugestellt. Er kam mit nur wenigen Tagen Verspätung bei ihr an. Auf dem Umschlag stand zu lesen:

Your man Henderson, that boy with the glasses who is doing a PhD up here at Queen’s in Belfast. Buncrana, County Donegal, Ireland.

Okay, der Ort war klar: Buncrana in Irland. Ein Ort mit ca. 7.000 Einwohnern. Gesucht wurde ein ehemaliger Student, Brillenträger, inzwischen Doktor der Philosophie. Abgeschickt wurde der Brief in Belfast. Der Briefträger, der die Post zustellen sollte, kannte eine Mrs Henderson und tatsächlich war sie die Ehefrau. Ihr Kommentar lautete: “Once I had an Amazon order take 6 month to arrive here, having been misdirected to Senegal, but it got here, a little bit dusty and sandy. Good old Post!”

Übrigens der Brief an Ehemann, Barry Henderson, enthielt nur ein Blatt Papier mit der dürren Nachricht: “If this has arrived, you live in a village.” Englischer Humor, man scheut keine Mühe.

letter
Ein Test? Kryptische Adresse – witziger Inhalt. Die Royal Mail hat den Test gemeistert.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich auf der Britischen Insel. Ein Paar in Rogerstone, bei Newport, ganz in der Nähe wo wir letztens waren, erhielt einen Brief von netten Bekannten, die ihre Adresse vergessen hatten. Sie wußten sich zu helfen indem sie einfach alles auf dem Umschlag notierten, was ihnen erwähnenswert erschien:

Barry and Liz (Evans?)

White cottage by the stream

with black and white spotty dog

New Inn, Pontypool

Der Brief wurde pünktlich zugestellt. Welcher Briefträger kennt nicht seine Freunde, die Hunde. Das war wohl der entscheidende Hinweis. – Übrigens die beiden hießen nicht Evans sondern Davies. Aber das macht den Kohl nicht fett. (Ein nicht übersetzbares Idiom. Und das bei den kohlbegeisterten Briten!)

Also falls Sie uns mal schreiben wollen, dann nur zu. Sie kennen unsere Namen, wissen wo wir in London leben, kennen George’s Beruf. Das sollte schon reichen. Vielleicht erwähnen Sie noch seinen roten Van mit der verbeulten Seite, dann ist die Identifikation ein Kinderspiel (der Engländer würde hier sagen: it’s a piece of cake, auch nett.). Natürlich kennt man inzwischen auch die Deutsche. – Oder Sie drücken einfach oben auf den E-Mail-Link, dann antworten wir auch. Macht aber nicht soviel Spaß.