Ich bin durch mit meiner Erkältung und George ist auch wieder unter den Lebenden. Heute morgen fühlte er sich so gut, dass er nach kurzem Zögern sich sogar die Runners anziehen wollte. Aber da bremste ich ihn aus, das ist irgendwie nicht der richtige Start nach drei Tagen Bettruhe. 

Ohne Fieber, ohne Kopfsausen, aber mit Schniefnase saßen wir am Frühstückstisch als Dean Martin im Radio sang: Rudolph had a very shiny nose, and if you ever saw him, you would even say it glows. Eigentlich wollte ich nicht lachen, aber es beschrieb sehr schön das Gesicht, dass ich gerade vor mir sah. Zum Glück fällt es den Engländern leicht über ihre eigenen Schwächen Witze zu reißen; da sind sie unschlagbar. Apropos Rudi, kennen Sie eigentlich die Namen der anderen Rentiere? Also der viel besungene Rudolph zieht den schweren Schlitten ja nicht alleine durch die Nacht. In England kann ihnen jedes Kind die ganze Rasselbande nennen:  Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner, Blitzen und Rudolph. Ich habe es auswendig gelernt, weil es seit Wochen in jedem Pub Quiz abgefragt wird.

Gleich nach dem Frühstück ziehen wir dann gemeinsam los. Ein Spaziergang wird gut tun. Es sind milde 15° und uns kommen einige Läufer entgegen, viele von ihnen in kurzen Hosen. Wir gehen eine Runde in der Heath und stoßen auf ein großes Rudel Hirsche. Die sind dort nicht selten, aber diese Tiere lagerten am Weg und standen dann erst einmal ganz nahe rund um uns herum. Mir tat das gut, denn solche unerwarteten Begegnungen, also wenn die Tiere mich finden und nicht umgekehrt, empfinde ich immer als ein Geschenk und das gibt mir real spürbare Energie. Genau das brauchten wir heute morgen, besser hätte es nicht kommen können. Danke!

Gestern hatte ich den niedlichen Weihnachtsgruß von Major Tim in meinem Beitrag gezeigt. Der Raumfahrer mit dem Hund auf seiner Schulter. Der reale Tim, der übrigens dieses Bild aus der Raumstation selbst gepostet hatte, kämpft mit sehr irdischen Schwierigkeiten. Er versuchte, wie so viele, seine Lieben am Weihnachten anzurufen. Ich denke technisch geht das problemlos via Satellit, denn meines Wissens kann er jede beliebige irdische Rufnummer anwählen. Nun gestern versuchte er es erstmals und  zwar mit den Eltern. Und was passierte? Er landet beim Anrufbeantworter! Mom and Dad waren kurz außer Haus und fanden dann die Nachricht ihres Sohnes auf dem AB. Hello, it’s me … try it later again.

Ab sofort wurde das Telefon nicht mehr aus den Augen bzw. Ohren gelassen. Einen Tag später versuchte es Tim dann erneut und ob Sie es glauben oder nicht, er hatte sich verwählt! Wohl die Aufregung. Eine ältere Dame nahm ab, meldete sich mit dem klassischen “Hello?”. Mehr bekommt man vom Engländer nicht verraten, man muß sich erst einmal selbst vorstellen bevor der Angerufenen irgendetwas von sich preisgibt. Finde ich auch ganz in Ordnung, denn der Anrufer will ja etwas loswerden oder erfahren. Major Tim kennt natürlich die Stimme seiner Mutter und merkte sofort, dass sie das nicht war. Aber er war ziemlich unsicher, mit wem er denn nun verbunden war. Und so begann er schüchtern und etwa unbeholfen seine Begrüßung mit: “Is this Planet Earth?”

Die künstlichen Eisbahnen, die überall in Zentral London aufgebaut wurden, haben endgültig geschlossen. Es ist einfach zu warm. Kaum hatte der Ice Rink dicht gemacht, schon fiel dem  Engländer eine andere Verwendung für seinen Hyde Park ein. Wenn das Eis schmilzt, nun gut, dann machen sie das Beste daraus und treffen sich am Weihnachtstag zum Anbaden. Mitten im Park liegt ein großer, langgesteckter See, genannt Serpentine. Am dortigen Badesteg verabredeten sich die Londoner und nahmen ein kühles Bad. Oder wie George es nennt: Party Dip.

 

swim
Die Engländer sind Wasseratten. Sie können zwar nicht besonders gut schwimmen, fühlen sich aber im nassen Element trotzdem wohl. Schwimmen gehört zu Christmas wie Pudding und Truthahn.

 

Übrigens haben heute, am 2. Weihnachtstag, alle Geschäfte geöffnet. In England ist zwar offizieller Feiertag, genannt Boxing Day, aber nicht für Verkäufer. Denn am Boxing Day wird hemmungslos eingekauft. Kids verscherbeln das Geld, dass ihnen Oma und Opa zugesteckt haben, andere tauschen ihre Geschenke und die meisten sind einfach auf Schnäppchenjagd in die Einkaufszentren geeilt. Die Preise sind kräftig reduziert. Man rechnete mit dem größten Jahresumsatz und natürlich auch mit Chaos auf den Strassen. Diverse Undergrounds fahren nicht, weil die Feiertage für Arbeiten am Gleisnetz genutzt werden. Blöderweise gilt das auch für die Bahnen zu den Flughäfen Heathrow und Gatwick. Da dürfte der Teufel los sein. Ich empfehle den Nachtbus, der ist zwar fast zwei Stunden in Süd-London unterwegs, bis er dann mal in die Gebiete nördlich der Themse kommt, dafür lernt man ganz London für schlappe 5 Euro kennen. Leider fährt er nur bei Dunkelheit.

Tipp für Touristen, die London erstmals besuchen: Der einzige Tag im Jahr, an dem ALLE Geschäfte geschlossen bleiben, ist der Weihnachtstag. Also der 25. Dezember. Dann fahren weder Bahnen noch Busse, kein Taxi ist zu sehen und die Strassen sind menschenleer. Wer an dem Tag keine private Einladung hat, bleibt der Stadt lieber fern. Man könnte sonst leicht depressiv werden. Selbst British Airways bietet keine Flüge an. Warum auch, niemand kann den Flughafen erreichen.

Heute werden wir noch einmal richtig faul herumhängen. Essen, dösen, naschen, Telly gucken, knabbern, dösen … Bis die Fernbedienung aus der Hand rutscht und die allerletzte Kalorie für das Zubebettgehen genutzt werden muß. Morgen aber wird aufgeräumt. Nicht nur die Wohnung. Bis Silvester muß die Weihnachtsdeko verschwunden sein, sonst fällt mir der Neustart schwer. Nicht dass ich etwas Wichtiges ändern will, aber vielleicht warten ja neue Aufgaben und denen will ich mich gerne stellen. Das ist wie ein neues Schuljahr. Da tauscht man dann ja auch das alte, vollgekleckste Heft gegen ein neues ein. Ich bin schon sehr gespannt, was dort stehen wird. Warten wir es ab.