Ich bin gerade noch rechtzeitig in London eingetroffen, um George entschwinden zu sehen. Er muß ungeplant arbeiten und es bleibt mir noch nicht einmal die Zeit, um enttäuscht nachzufragen, wozu es eigentlich Dienstpläne gibt. Gut so, denn später erfahre ich, dass eine Obduktion an einem Kleinkind vorgenommen werden mußte. Das ist eine Situationen, die auch einen erfahrenen Arzt an seine Grenze bringt.

So sitze ich alleine im Haus und kann mich zum Glück gut beschäftigen, denn vieles mache ich mit dem PC und dem ist es egal, wo er Zugang zum Internet findet. Am späten Nachmittag kommt George zurück, wir reden nicht viel, und sein Vorschlag ins Kino zu gehen ist vielleicht gar nicht schlecht. So können wir zusammensein ohne quälend nach Worten zu suchen.

mi6
Das echte MI6 Headquarters Gebäude am Vauxhall Cross, südliches Themseufer, in London. Auf Stadtplänen sucht man es vergebens, dort heißt es neutral Government Offices.

Zurzeit füllt Spectre die Kinos. Ein typischer 007-Bond Film, mit dem lustigen  Titel ‘Schreckgespenst”. Das wird man in Deutschland wohl nicht übersetzten. Jede Menge Action, aber irgendwie bin ich innerlich unbeteiligt. Das einzige was mir wirklich auffällt, ist die permanente Werbung. Dauernd bekommt man product placements  untergeschoben. Da fährt dann die Kamera mit rasanten Zoom in Bonds Armbanduhr hinein, nur um dort den Schriftzug Omega zu finden?! George ist auch nicht bei der Sache, wen wundert’s. Deshalb gehen wir nach dem Spektakel sofort Heim, wir sind müde, der Tag war für uns beide anstrengend. – Filme in modernen Kinos sind für mich selten ein Genuss. Ich kann den für mich viel zu lauten Surroundklang kaum aushalten. Besonders die Geräusche (Schüsse, Hubschrauberrotor …) verursachen mir fast schon Übelkeit.

phoenix
Das Phoenix Cinema in East-Finchley ist unser Favorit. Ein Filmpalast alter Schule mit Programmkino und Tradition. Den neuen Bond gibt es hier nicht zu sehen. – Wir sind gerne hier; oft werden auch interessante Live-Events geboten. Und das Beste: Kissing in the back row macht hier noch richtig Spaß.

Ganz unbeeindruckt vom Film scheint mir George nicht zu sein, immerhin bleibt er kurz vorm Spiegel stehen und betrachtet seine Silhouette mit eingezogenen Bauch. Als die Luft knapp wird, und das Gummiband wieder eng anliegt, schlüpft er eilig unter die Bettdecke. “Bleib wie du bist, mir gefällt was ich sehe” kann ich ihm versichern und füge hinzu “das fehlt noch, dass du der Hingucker von uns beiden wirst”. Es überzeugt ihn, er murmelt vermutlich einen Dank, und schläft auf der Stelle ein. Er scheint ziemlich fertig zu sein.

Am nächsten Morgen klingelt ein Bote an der Tür. Ein Mitarbeiter überreicht mir eine Plastiktüte, darin ein Paar Handschellen. Ich lege sie auf den Schreibtisch, wo George sie kommentarlos auspackt. Ein, zwei Fragen fallen mir schon dazu ein, aber ich halte mich lieber zurück. Am Nachmittag ist klar, dass die Fesseln nicht für SM-Spiele im Schlafzimmer gedacht sind, sondern eher zum Basteln im Büro dienen. George will wohl herausfinden, ob und wie schnell man das Schloß ohne Schlüssel öffnen kann. Es scheint ihm viel Freude zu machen. Ich lasse ihn spielen.

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Christmas Pudding hält sich lange

Mein ganzer Besuch steht diesmal unter einem schlechten Stern. Statt trauter Zweisamkeit, haben wir Mühe auch nur eine gemeinsame Stunde zu finden. Also plane ich um und melde mich bei einer guten Freundin zum Kaffee an. Jill ist für mich die typische Engländerin schlechthin. Sie ist stets gutgelaunt, empfängt mich immer mit offenen Armen, weiß wunderbare Geschichten aus dem Stegreif zu erzählen und bringt mich sofort in besseres Fahrwasser. Sie ist gerade dabei den Christmas Pudding vorzubereiten, ich kann es gar nicht glauben. Aber es trifft sich gut, denn ich will mich ein wenig beraten lassen. Eigentlich kommt der Pudding erst am 1. Weihnachtstag auf den Tisch, aber frühzeitiges Zubereiten kann nicht schaden. Jill behauptet steif und fest, man könne ihn ein Jahr lang problemlos aufbewahren. Ich glaube es ihr sofort.

Ich bin ein wenig melancholisch, vielleicht weil ich enttäuscht bin, dass George keine Zeit für mich hat. Bei Jill packe ich meinen Frust in ein einziges Thema, das ich nun unbedingt mit ihr diskutieren möchte: Was soll man zu Weihnachten schenken?!? Auf einmal ist das gut bekannte Geschenke-Gespenst aufgewacht und spukt in meinem Kopf umher. Spectre is back!

Eigentlich freue ich mich auf das Fest, aber dieser Geschenkezwang vermiest mir die gute Stimmung. Ich bin ihm jahrelang ausgewichen, indem ich mich jeder weihnachtlichen Feier entzogen habe. Diesmal wird das nicht gehen. Was soll ich bloß machen? Ich bin kurz vorm Heulen. Jill legt mir erstmal einen ziemlich leckeren Vanillekuchen mit viel Custard auf den Teller, dann nimmt sie mich in die Arme und klärt mich auf. 

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Mein Favourit: Ein Christmas Tree der gut aussieht und nicht nadelt.

Jill wuchs in Deutschland auf, kennt also beide Mentalitäten bestens. “Hier in England ist Weihnachten ein großer Spaß. Du wirst viel Freude haben und garantiert keinen Streß. Immerhin hast du keine Großfamilie zu bekochen, sondern kannst ganz entspannt mit George Bescherung feiern.” Ich nicke, weise dann aber schnell darauf hin, dass die Geschenkfrage mich quält. Und einfach zu sagen wir schenken uns nichts, ist auch keine glückliche Lösung.

Nun, nach weiteren zwei Vanille-Kuchen und einen guten Schuss Rum im Tee hat Jill mich restlos überzeugt; das wird das beste Weihnachten aller Zeiten. Erst von ihr erfahre ich, dass es erhebliche Unterschiede zur deutschen Tradition gibt. In Deutschland quält man sich mit Überlegungen ab, die in England niemanden durch den Kopf gehen. Ist das Geschenk nützlich? Ist es angemessen, zu teuer oder gar zu billig? Ist es pädagogisch wertvoll, umweltschonend, politisch korrekt? Ist es sinnvoll und nachhaltig? Habe ich es schon letztes Jahr geschenkt?Und vor allem: IST ES PRAKTISCH?

Den Engländer schert das alles nicht. Sein Geschenk hat nur einem Zweck zu dienen: MACHT ES SPASS? Statt Klasse gibt’s Masse. Man muß wenigsten so viele Geschenke im Sack haben, dass jeder einige Stunden mit dem Auspacken beschäftigt ist. Das Zimmer sollte gegen Mittag annähernd kniehoch mit zusammengeknüllten Papier und aufgerissenen Verpackungen gefüllt sein. Damit man die Mengen an Geschenken finanziell stemmen kann, kauft man möglichst preiswert ein. Ein gutes Geschenk sollte witzig sein, gerne sinn- und geschmacklos, auch häßlich und völlig unnütz sprechen für den Kauf. Damit landet man Volltreffer. Wichtig ist das Auspacken, der Inhalt spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle.

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Klassisches Poster als Wandschmuck

Mit diesem Briefing geht es mir schon viel besser. Gut, dass wir das geklärt haben. Auf dem kurzen Nachhauseweg, nur quer über die Straße, fallen mir die Handschellen wieder ein. Wer so geschickt Schlösser knackt wird einen Zauberwürfel lieben. Ein paar grüne Socken mit lustigen Gesichtern auf den Zehen dürfen nicht fehlen, vielleicht ein Wackeldackel fürs Auto, oder lieber ein hüftschwingender Elvis, und ein Poster um die gekachelte Laborwand zu schmücken. Jetzt fallen mir die Ideen im Minutentakt ein und Weihnachten fängt an wieder Spaß zu machen. Für mich selbst brauche ich auch noch ein paar Dinge. In England reicht es nicht das Sonntagskleid anzuziehen und ein feierliches Gesicht zu machen. Man muß schon ein bißchen mehr Aufwand treiben. Jill sprach zum Beispiel von goldenen Papierkronen, die die Männer aufsetzten, weil sie einen Tag lang König Salomon oder so ähnlich darstellen. Sofort fällt mir Alfons der Viertelvorzwölfte ein. Hä, hä. Wie teile ich das George mit? Alfie the threequarter-past-eleven??? Egal, ich werde es noch herausfinden.

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Der kommt in die engere Wahl

Weiter benötigen wir ein halbes Dutzend Knallbonbons, die am Tisch und vielleicht auch schon im Bett krachend zerrissen  werden. Und natürlich brauche ich einen Pullover oder einen Pyjama (Weihnachten wird im Bett gefeiert; Father Christmas kommt ja schließlich am frühen Morgen vorbei). Ohne abstrus geschmacklosen Pullover geht es nicht. Wenigsten ein Rentier mit roter Nase sollte das Wollwerk großflächig auf der Brust zieren. Besser noch, wenn auch Rücken und Ärmel mit bunten Muster übersäht sind. In Hamburg müsste ich suchen, in London werden solche Stücke überall feilgeboten.

Mit bester Laune verlasse ich Jill. Wie immer hat sie mich aufgetankt. Ein Geschenk, das ich zu schätzen weiß. Für sie ist es ganz selbstverständlich. Kaum stehe ich in der Tür bekomme ich auch schon Hunger. Es duftet wunderbar aus der Küche. Dort ist George inzwischen mit dem Abendessen beschäftigt. Besser gesagt, er kocht ein komplettes Dinner. Er ist bester Laune und  verspricht mir ganz bestimmt nicht mehr das Haus zu verlassen. Egal wer anruft, egal was passieren sollte. Das ist genau die Botschaft, die ich jetzt hören wollte. Ende gut, alles gut. Es sind keine 24 Stunden mehr, dann muß ich schon wieder zum Flughafen. Nutzen wir die Zeit. – Und das ich durch die eigentlich unglücklichen Umstände jetzt viel mehr über englische Weihnachtsbräuche gelernt habe, ist einiges wert. Alle Zweifel, alle Fragen sind verschwunden und auf einmal freue ich mich wieder wie ein Kind auf den sprichwörtlichen Weihnachtsmann.

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Two fluffy pups vorm Kamin – perfekte Weihnachtsstimmung!

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