Mr Asbaby greift an. Foto: Geoff Robinson

Zehn Jahre ist es schon her, als erste Meldungen aus Cambridge auftauchten. Erst in der örtlichen Zeitung, später sogar in den BBC News. Grund gab ein aggressiver Schwan, der sein Revier mit allem verteidigte, was ihm zur Verfügung stand. Wild schlagende Flügel, strampelnde Plattfüße und ein weit aufgerissener Schnabel waren seine Waffen, die er gegen jeden einsetzte, der ihm zu nahe kam. Eigentlich ist der River Cam ein recht romantische Gewässer, wo genug Platz für Ruderboote, Schwimmer und Wasservögel ist. Dieser Schwan sah das aber anders und attackiert jeden, der in seinem Revier auftauchte. Schon bald hatte der Wüterich einen Namen weg, nämlich Mr Asbo. Anfangs dachte man, er würde seine Vaterpflichten zu ernst nehmen, denn im Nest waren gerade die Kücken geschlüpft. Da sollte man Rücksicht nehmen und Abstand halten.

Der Sommer war längst ins Land gezogen, die jungen Schwäne schon ziemlich selbstständig, aber Mr Asbo wollte sich nicht beruhigen. Im Gegenteil. Inzwischen griff er sogar Motorboote an und konnte Kindern durchaus gefährlich werden. Schließlich fing man ihn ein, brachte ihn ein gutes Stück weit flussaufwärts und liess ihn dort wieder frei. Es dauerte nicht lange und Mr Asbo war zurück in Cambridge. Das Theater begann von vorn, nur seine Angriffstaktik ähnelte inzwischen den Kamikaze Kämpfern aus Fernost. Mr Asbo flog wütend auf jeden Aussenbordmotor zu, Füße weit nach vorne gestreckt, um dann mitten im wirbelnden Wasser zu landen. Man macht sich ernsthaft Sorgen, dass ihm irgendwann die Beine abgeschlagen werden und so entschloss man sich zu einer Rettungsaktion. Der halbstarke Schwanenkönig wurde erneut eingefangen und von freiwilligen Helfern an einen geheimen Ort verbracht. Dort erhielt er eine neue Identität und damit eine zweite Chance. Diesmal klappte die Umsiedlung, aber kaum war er weg,  fing man in Cambridge an ihn zu vermissen. Die Studenten hielten vergebens nach dem Provakteur Ausschau und auch die schwimmenden Artgenossen zogen ihre Kreise enger und enger um den Nestplatz, der einmal Mr Asbo gehörte. Irgendwie vermisste man Old Grumpy. So ist das wohl im Leben, egal ob Mensch oder Tier.

Letztes Jahr wurde Asbaby geboren. Ein Enkelkind des legendären Kampf-Schwans. Schon dessen Vater, mit dem Namen Asboy fiel übel auf, weil er offensichtlich unter einer Überdosis Testosteron zu leiden hatte. Asbaby aber, inzwischen ein Jahr alt und voll ausgewachsen, stellt die Vorfahren sogar noch in den Schatten. Der Jungschwan legt sich mit allem an, was auf dem River Cam paddelt. Junge Gänse schnappt er sich mit dem Schnabel und wirft sie in die Luft. Was größte Empörung bei Eltern und gut drei dutzend engen Verwandten auslöste. Die stürzten sich mit lauten Geschnatter auf die weisse Unschuld. Das Geschrei soll ohrenbetäubend gewesen sein. Kaum war Asbaby den Gänsen entkommen, ruderte er schnurstracks auf das nächste Ruderboot zu und liess seine Wut an den Touristen aus. Ihn einfach töten ist nicht möglich, schließlich gehören alle Schwäne der englischen Krone. Ohne die Erlaubnis der Queen wäre das ein Schwerverbrechen und würde unweigerlich zu lebenslanger Haft im Tower of London führen. Den wütenden Schwan zu beruhigen, ihm bessere Manieren und englisches Verhalten beizubringen, scheint schwierig. Ein Anwohner, der schon den Großvater erlebt hatte, schätzt die Lage kritisch ein: “Asbaby was vicious when he was young, but now that he is bigger and stronger he is even worse. He is a real bully on the river and even worse than his father and grandfather. It’s worrying as the river is getting busier now too.” Mal seh’n wie das weitergeht.

Sollten Sie mal etwas länger in London sein und Gelegenheit zu einem Ausflug haben, dann kann ich sowohl Cambridge als auch Oxford sehr empfehlen. Beides sind wunderbare alte Städte mit ganz individuellen Charakter. Wenn man kein Auto hat, geht es auch ganz gut mit der Eisenbahn, beispielsweise ab King’s Cross (Great Northern Railway) bzw. Marylebone Station (Chiltern Railways). Leider sind die Tickets nicht ganz billig.

 

Eine ungute Karriere: Erst machte Mr Asbo ein bißchen Blödsinn, plusterte sich auf, machte ein auf dicke Hose, dann aber attackierte er Touristen gezielt und schließlich griff er zu hinterhältigen Methoden. Das führte zur Isolation, man sperrte ihn zunächst aus und nahm ihn schließlich sogar fest. Das Ende eines wilden Lebens. Die Moral von der Geschichte: Schlechtes Benehmen zahlt sich nicht aus. Und was wirklich beunruhigt: Unsoziales Verhalten scheint sich zu vererben. Also vorsicht bei der Elternwahl. – Wenn ich es mir recht überlege, dann fällt mir ein, dass vor wenigen Tagen eine Meldung über englische Flußfische in der Zeitung stand, die vielleicht mit den aggressiven Schwänen zusammenhängt. Man hat keinen einzigen Fisch fangen können, der KEIN Kokain enthielt! Die Partydroge ist in England inzwischen so verbreitet, dass man so gut wie überall die Reste findet.